Ilu-Ischtar

Aus ThuleTempel
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Einleitung

Der hier vorliegende Text stellt eine Wiederherstellung des wohl ältesten Glaubens- und Wissensbuchs dar, von dem Überlieferungen erhalten sind. Das ursprüngliche vollständige Ilu Ischtar hatte mit großer Wahrscheinlichkeit einen um vielfaches größeren Umfang als der hier nachstehende Text. Das läßt sich aufgrund einzelner, sehr ausführlicher Bruchstücke schließen. Es ist anzunehmen, daß der erhaltene Überblick lediglich eine Zusammenfassung dessen bietet - gewissermaßen ein erweitertes Inhaltsverzeichnis was in alter Zeit zur Verfügung stand. Dennoch kann man sich glücklich schätzen, diese Schrift zu besitzen, die nicht allein das Urwissen der Mesopotamier wiedergibt, sondern damit auch dasjenige unserer unmittelbaren germanischen Vorfahren, denn die enge Verwandtschaft zwischen Mesopotamiern, also Akkadern, Sumerern, Babyloniern, Assyrern und Germanen, über die schon so viele Vermutungen angestellt wurden, findet auch im Ilu-Ischtar eine deutliche Bestätigung und eingängige Erklärung. So vollständig, wie es hier nun aufscheint, ist es freilich nicht erhalten. Zahlreiche Lücken wurden durch Verwendung verwandter Schriften ausgefüllt, etwa durch phönizisch-karthagische Texte, in einzelnen Punkten auch Schriften marcionitischen Ursprungs. Natürlich erfuhren die altbabylonischen Texte Ergänzungen durch neu-babylonische und assyrische Funde.

Text

ERSTES KAPITEL

1.1 Es ging ein Licht aus von IL, dem hochmächtigen Gott, dem Allerhöchsten, der in seinem Reiche "ILU" ist; unschaubar den auf der Erde lebenden Menschen.

1.2 Und es ging dieses Licht, das da gesandt war von Gott, zu den Menschen der Erde, nahm Gestalt an und wurde Person, die Gott dafür erwählt hatte: Nämlich Ischtar, der hohe Engel.

1.3 Keiner aber wußte zunächst, was es bedeuten würde; denn die Welt Erde lebte im Irrtum dahin,

1.4 und selbst der weise, mächtige König Sar-Kyan (Sargon 1.), Beherrscher der Welt bis hinauf in die Mitternacht (den Norden), suchte nach Belehrung. Zu dieser Zeit aber war er hinaufgefahren nach Thale-Hubpur, wo einstens die Insel der Seligen war.

1.5 Wie das Licht vom Himmel herabstieg in Ischtars Gestalt und im Lande erschien, da erkannten die Menschen wohl, daß ein strahlendes Licht zu ihnen gekommen war, aber sie verstanden noch nicht, daß Gott es gesandt hatte.

1.6 So kam es, daß die meisten Menschen das Licht sahen und bald anbeteten, nicht aber den erkannten, der es geschickt hatte.

ZWEITES KAPITEL

2.1 Es war im fünfundfünfzigsten Regierungsjahr des großen Königs Sar-Kyan in Bel (Babylonien), da eine sonderbare Frau bekannt wurde und man von ihren Worten und Werken sprach. Sie ging an der Küste des Meeres und wirkte dort.

2.2 Wer sie gesehen hatte, sprach ebenso hochachtungsvoll von ihrer Schönheit wie von ihrer Weisheit; denn sie war jung und dennoch voll der Erkenntnis und des Wissens um alle Dinge.

2.3 Zu dieser Zeit weilte der König nach einem Kriegszug am anderen Ende der Welt, so daß er die sonderbare Frau am Meer nicht treffen und auch nicht von ihr wissen konnte, denn ins ferne Thale hatte es den König nach Abschluß des Krieges gezogen, und er blieb über drei Jahre aus.

2.4 So kam es, daß jene besondere Frau an der südlichen Küste des babylonischen Landes den König nicht traf. Auch zu den Oberen redete sie selten, viel aber zum Volke.

2.5 Diese sonderbare Frau aber, die schöne, die weise, war niemand anders als die göttliche Ischtar, die menschenähnliche Gestalt angenommen hatte auf Zeit.

2.6 Sie kam und sie ging, und keiner wußte, wo sie zum Schlafe ihr Haupt niederlegte; und keiner wußte, von wannen sie oft an diesem Ort war und bald am nächsten - denn Ischtar kam und ging zwischen den Welten.

DRITTES KAPITEL

3.1 Zuerst war sie am Strand des Meeres gesehen worden mit Sonnenaufgang. Das war bei Ukor am Anfang des fünften Monats im fünfundfünfzigsten Jahr des Königs Sar-Kyan, vierhundertzweiunddreißigtausend Jahre nach Gründung des ersten Reiches, noch im Lande der Ahnen, und sechsunddreißigtausend Jahre nach Gründung des abermaligen Reiches in Bel, des ersten also dort (in Mesopotamien), also genau am siebten Tag des fünften Monats im Jahre sechsunddreißigtausendeinhundertachtundneunzig der geltenden Zeitrechnung.

3.2 In der Nacht vor jenem Tage war von vielen Leuten im Lande gesehen worden, wie zwei Sternschnuppen ihre Bahnen kreuzten über dem Ort (an dem Ischtar erscheinen sollte).

3.3 Als dann um die neunte Stunde jenes Tages ein Schiff sich näherte, welches von Arya (Indien) heimkehrte, das Verstärkung für die Besatzung eines babylonischen Hafens dort hin gebracht hatte, da bemerkten die Schiffsleute, wie, ganz sonderbar und ungewohnt, viele Strahlen der Sonne sich zu einem auf das Land gerichteten Strang bündelten; mag es auch durch die Lage der Wolken bloß so ausgesehen haben, bot es doch ein sehr ungewöhnliches Bild.

3.4 Da rief Honu, der Navigator, der auch schon in der Nacht zuvor auf die sich kreuzenden Sternschnuppen über der Heimat hingewiesen hatte: "Es wird ein Zeichen der Gottheit gewesen sein gestern nacht, und Bedeutsames wird sein, wenn wir im Hafen anlegen."

3.5 An der Küste des Meeres unterdessen spielten Kinder mit kleinen Booten. Plötzlich bemerkten sie einen gebündelten Sonnenstrahl, der immer dichter wurde und sich dann bald wieder auflöste in übliche Sonnenstrahlen.

3.6 Aber dort, wo das Sonnenlicht am hellsten gewesen, stand jetzt eine junge Frau zwischen Wasser und Strand.

3.7 Sie war einfach gekleidet, aber von sehr schöner Gestalt, ihre Haare reichten fast bis zum Boden, und ihr Gesicht war schöner als das schönste auf Erden.


Und in ihr war ein Leuchten, als hätten die Strahlen der Sonne eine Wohnung in ihrem Leib.

3.8 Sie ging hin zu den Kindern, begrüßte sie und sprach: "Wie ihr so spielt und dabei an kein Ziel denkt, so ist es im Reiche ILU (Reich Gottes). Ihr werdet es einst wiedererkennen."

3.9 Dann ging Ischtar weiter, und die Kinder sahen ihr nach. Eines dieser Kinder war das Mädchen Sinea, welches später, als lrini (Seherin), dem König von allem berichten sollte.

VIERTES KAPITEL

4.1 Ischtar kam in die Stadt und an den Hafen, wo das von Arya gekommene Schiff angelegt hatte. Es war ein großes Handelsschiff, das auch Reisende mitgebracht hatte, die mit einem demnächst fahrenden Schiff wieder in ihre Heimat zurückreisen wollten, wie es in solcher Weise häufig geschah. So war auch der aryanische Kaufmann Vasok mit nach Babylonien gekommen, um dort seinen Geschäften nachzugehen.

4.2 Vasok hatte sich während der Reise mit dem Navigator Honu angefreundet, und beide hatten auch schon viel über die merkwürdigen Erscheinungen miteinander gesprochen; denn beide waren fromme Männer. Wie sie nun ins Gespräch vertieft über den Landungssteg gingen, sah Honu die junge Frau, welche Ischtar war, und erkannte sie und sprach zu Vasok: "Schau, dort geht die göttliche Botin. Ich fühle, daß sie es ist."

4.3 Auch Vasok entdeckte die Gestalt der Ischtar sogleich und sagte: "Sie ist so schön wie die Sonne und der Mond. Wir wollen ihr ein Geschenk machen." Denn Vasok war ein sehr reicher Mann aus adeligem Geschlecht. Honu aber entgegnete ihm: "Sie bedarf unserer Gaben kaum, Freund. Aber laß' uns zu ihr gehen und sie ansprechen."

4.4 Unterdessen war Osar, der zweite Hafenkommandant, zu den beiden Freunden gestoßen und sagte zu ihnen: "Marduk sei mit euch!" - Denn so wird einjeder begrüßt, der nach Babylonien kommt. - "So seht dort dieses junge Weib, das schöner ist als das Tageslicht. Es wandelt am Hafen entlang, ganz in sich gekehrt, und alle, die es sehen, verwundern sich. Keiner aber sagt zu ihr ein Wort. Ich will dieses Weib doch begrüßen und fragen, wonach sie sucht. "

4.5 Die Männer kannten sich nämlich bereits von mehreren Begegnungen, wenngleich nicht so nahe, daß sie viel miteinander zusammengewesen wären. Jetzt aber war es ihnen auf einmal, als seien sie enge Freunde.

4.6 Sie gingen zu dritt zu Ischtar hin. Aber keiner von ihnen konnte sich durchringen, zuerst das Wort an sie zu richten. Da Ischtar dies merkte, sah sie die drei Männer an und sprach: "ILU über euch!" - Dies meint: Der Geist Gottes möge beschirmen. - Und dann fragte Ischtar die drei Männer, indem sie sagte: "Warum sprecht ihr nicht aus, was eure Gedanken in euch sprechen? Empfangt ihr nicht längst ILs (Gottes) Atem und wißt, wer ich bin?"

4.7 Osar, der es sich schon genau so gedacht hatte, antwortete ihr: "Bist du nicht Ischtar, die Göttliche, die, wie unsere Altvorderen überliefert haben, mitunter in Menschengestalt zu den Menschen kommt? Kennen wir doch auch das Bildnis der holden Ischtar aus unseren Tempeln, wie Erinnerung aus uralten Zeiten sie hat bewahrt."

4.8 Und auch Honu sprach jetzt: "Wenn Ischtar unter die Menschen geht, muß sie dazu Ursache haben. Ist es nicht so, daß sie zumeist als Warnerin kommt?"

4.9 Und auch Vasok sprach nun und sagte: "Auch in meiner Heimat kennen wir die Göttliche. Vor langer Zeit kam sie einst aus dem Strome gestiegen, der Swasradi (Sarasvati) heißt. Doch wissen wir nicht mehr, ob dies auch der Name der Göttlichen war."

4.10 Ischtar antwortete und sprach: "Ischtar hat viele Namen. Einjedes Volk gibt ihn ihr nach seiner Zunge. Weg ist sie und Brücke zwischen dem göttlichen Reich und der Erdenwelt, Grünland durchreichend und auch berührend das Mittelreich.

4.11 Nicht um zu warnen bin ich gekommen nun - denn noch herrscht lichte Zeit - sondern zu lehren, was allzuviele vergaßen. Geschäftigkeit bestimmt oft euer Leben, siegreich gewinnt euer König die Hälfte der Welt. Prächtige Werke schaffen eure Hände, große Ideen schöpft ihr aus eurem Geiste. Groß ist euer Wissen von dieser Welt, kenntnisreich arbeitet ihr voran. Hoch steht ihr über den Tschandalim (Dunkelmenschen), unterwerft euch das Niedrige und waltet gerecht. Doch vergeßt nicht über all dies das Wissen der Ewigkeit;

4.12 denn mit Verstand und Hand geschaffene Werke dieser Welt zählen gering vor der Ewigkeit. Richtet euer Bestreben auch auf die Werke des Herzens, die tausendfach gelten."

4.13 Und sie blickte freundlich und ging. Honu, Vasok und Osar aber folgten ihr nach, um zu lernen.

FÜNFTES KAPITEL

5.1 Um dieselbe Zeit war in Bab-Ilu (Babylon) die Priesterin Naiia im Tempel werktätig mit einem der magischen Steine, welche nach Grünland tragen. Und dabei erschrak sie, denn sie gewahrte viele höllische Geister, welche die diesseitige Welt umlagerten, als sei all ihre Gier noch mehr als sonst auf diese ausgerichtet. So zahlreich waren die finsteren Geister, daß Bel und Marduk sie nur mit Mühe abwehren konnten. Ischtar aber war nicht zu sehen im Grünen Land (des Jenseits).

5.2 Dann erkannte Naiia, daß Ischtar auf der Erdenwelt weilte und daß deshalb die Geister der Finsternis mit besonderem Zorn auf die Erde blickten und nach ihr gierten.

5.3 Denn je heller das (gotthafte) Licht an einem Orte erstrahlt, um so wütender wird gegen diesen die Finsternis.

5.4 All dies erkennend, rief die Naiia vier Tempelschülerinnen herbei; und diese hießen Luskara, Erina, Mahira und Siola. Dann fertigte Naiia eine magische Sendung, um so dem König Nachricht zu geben, falls möglich.

5.5 Der König war zu dieser Zeit Gast des Königs von Gohn, im Reiche des Nordens. Es war ein fröhliches Gelage, das Kenhir, der König von Gohn, für Sar-Kyan, den König von Babylon, veranstaltet hatte. Auch die Feldherren und Kapitäne und die hohen Handelsleute, welche von beiden Reichen zugegen waren, zechten mit den Königen.

5.6 Alles dies sah die Naiia durch den magischen Stein, auch hörte sie von den Reden und den Gesängen und dem Spielen der Musikanten. Und sie sah so auch ein junges Weib, welches sich still im Hintergrund des Festes hielt, weil es eine Priesterin Kenhirs war. Diese junge Priesterin trug ihre Haarfülle lang herabhängend und lose, so daß die Naiia, unterstützt durch die Kraft der vier Tempelschülerinnen, die Schwingung der Nachricht dort hineinsenden konnte.

5.7 Und es geschah auch, daß die Priesterin Kenhirs, die Ege hieß, die Nachricht aus Babylon in ihren Haaren (=Antennen) empfing und verstand, daß sie davon melden solle. Also erhob sich die Ege von ihrem Platz im Hintergrund und ging zu den beiden Königen, um Sar-Kyan zu berichten: In der Heimat des Königs Sar-Kyan ist die Gottheit in Gestalt der Istara - welche eben auch Ischtar ist - in Frauengestalt zu den Menschen gekommen.

5.8 Der König von Babylon hörte es auch. Das Fest aber war noch im Gange, und daher sprach Sar-Kyan zur Ege, am morgigen Tag wohl werde er aufbrechen und reisen.

5.9 Kenhir indes fragte Sar-Kyan, ob es wohl wirklich wahr sei, daß Istara (Ischtar) als Frau unter den Menschen der Erde sei. Sar-Kyan antwortete, dies sei wohl möglich, obschon es ihm selbst noch nie widerfahren sei, solches selbst zu erleben. Überliefert sei jedoch von den Altvorderen, daß solches in mehreren tausend Jahren einmal geschehen könne und auch schon stattgefunden habe.

5.10 Ja, sagte daraufhin der König von Gohn, auch er habe von derselben Überlieferung Zeugnis, und er wünsche sich, Sar-Kyan auf der Reise nach Babylonien begleiten zu können; leider gestatte ihm dies andere Erfordernis nicht. Doch solle die Ege wohl mitreisen und auch noch einen weiteren weisen Gohnländer mitnehmen nach Babylon.

5.11 Und so reisten am anderen Tage der König von Babylon und ein Teil seiner Begleitung, unter dieser auch die Priesterin Ege und der Gohnländer Kernei - ein kluger Mann von hohem Alter -, mit ihren Schiffen heimwärts gen Bel. Wie sie nun den Himmel von Mitternacht bereits hinter sich gelassen und auch die Insel der Verlorenen umschifft hatten, packten grausige Stürme nach den babylonischen Schiffen. Fauchend rasten die von der Finsternis und deren Geistern aufgepeitschten Winde, um die Schiffe zu vernichten, vermochten es aber doch nicht,

5.12 denn die Hand Gottes fesselte die Stürme und glättete die See.

5.13 Und wie sich das Meer so durch das Eingreifen Gottes beruhigt hatte, ging die Reise gut voran. Ungestört gelangten die Schiffe von der großen See in das kleinere Meer (vom Atlantik ins Mittelmeer), um an der Küste im Hafen von Sin-At (Sidon?) zu landen, welchen Sar-Kyan selbst hatte errichten lassen. Sodann begab sich der König mit seinem Gefolge auf dem Landweg weiter und durch die Wüste, auf jener Straße, die er selbst hatte anlegen lassen.

5.14 Da versuchten abermals die Geister des Bösen, durch Stürme und Irrleitung den Weg zu verlegen. Und wieder schlichtete die Hand Gottes und verwehrte den Geistern der Finsternis ihren Erfolg.

5.15 Zweimal aber war die Reise verzögert worden durch die Angriffe der finsteren Geister, so daß mehr Tage vergangen waren, als der König gerechnet hatte.

SECHSTES KAPITEL

6.1 Inzwischen war an der südlichen Küste des babylonischen Reiches, dort, wo Ischtar weilte und mit Honu, Vasok und Osar gesprochen hatte, in der Hafenstadt Ukor, ein ägyptischer Kaufmann mit Namen Ame-Hotan eingetroffen, der zugleich ein Sternkundler war und sich in Begleitung des für diese Kunst berühmten lraniers (Persers) Ilminodu befand, eingetroffen. Nach Erledigung ihrer geschäftlichen Angelegenheiten planten sie, die Weisen im Tempel des Bel aufzusuchen; denn der Ägypter und der Iranier - letzterer war schon oft in Babylon gewesen - standen seit langem in Briefwechsel mit Lakor, dem Vorsteher des Bel-Tempels. Dieser Lakor, der auch "Enkel Sins" genannt wurde, weil von allen Sternkundlern der Erde der wissendste er war.

6.2 Lakor und Ilminodu hatten beide schon vor Zeiten errechnet, daß die Gottheit selbst auf die Erde herabsteigen werde. Dazu hatten sie zwei bestimmte Lichter gesehen. Das erste, das auf die jetzige Zeit hinwies und auf dieses Land, und ein zweites, das auf eine fernere Zeit deutete und in ein anderes Land, wo das Ereignis eintreffen müsse.

6.3 Wegen des erstzuerwartenden Zeichens hatten sie sich verabredet; und Ame-Hotan hatte das selbe Ziel.

6.4 Wie sie nun in der Stadt hörten, eine wundersame Frau sei da in Erscheinung getreten, vernachlässigten Ame-Hotan und Ilminodu ihre Geschäfte, um sogleich zum Tempel des Bel zu eilen und dort den Vorsteher Lakor zu treffen. Dieser empfing sie auch freudig und bestätigte ihnen, viele Menschen seien der wunderbaren Frau schon begegnet, die bald komme und bald gehe, ohne wirklich greifbar zu sein, wie es Anschein habe.

6.5 Und es sei kaum zu bezweifeln, daß so die gotthafte Ischtar als Weib durch das Land gehe. Auch seien schon Anhänger da, die mit ihr gesprochen und Gruppen gebildet haben, durch welche das Gehörte verbreitet werde.

6.6 Daraufhin bestiegen die Männer die Spitze des Tempels, um sich zu beraten. Während sie so mit sich sprachen, kam vom Tempel der Ischtar her die junge Siola und berichtete von dem, was schon dem König zugeschwungen (magisch mitgeteilt) worden war. Und sie erzählte, es gäbe schon große Aufregung an verschiedenen Orten, wo Ischtar aufgetreten sei.

SIEBTES KAPITEL

7.1 Viele im Lande hatten binnen kurzer Zeit davon gehört, daß Ischtar in die Erdenwelt gekommen war und auch vernommen, was sie den Menschen alles sagte.

7.2 Sie sprach aber nie in großen Sätzen zu Volkesmengen, sondern vielmehr stets zu einzelnen oder zu kleinen Gruppen. Solche trugen das Erfahrene sodann weiter, und manche von ihnen, ganz besonders Honu, der Navigator, sprachen laut und lehrten große Scharen des Volkes, was sie gehört hatten.

7.3 Es war dabei vieles, was die Ahnen noch gut gewußt hatten, die Nachkommen aber immer mehr vergaßen. Es war die Kenntnis des Urs und des ILU und alles über den Sinn der Wanderung durch das Erden-Leben; das Wissen um den weiteren Weg, der nach dem irdischen Sterben kommt, und vom Ziel der Heimkehr (zu Gott).

7.4 Viele Menschen erinnerten sich daran, daß dieses Wissen der Ahnen noch tief in ihrem Inneren ruhte; und es war, als ob frisches Wasser nun neue Fruchtbarkeit gebe.

7.5 Und alles dies fügte große Freude in das Land.

7.6 Zu allen, die mit Ischtar gesprochen und von ihr Belehrung empfangen hatten, kamen die Menschen - sowohl vom einfachen Volk wie auch die Priester und Priesterinnen aus den Tempeln, kamen auch Heerführer und hohe Beamte, kamen Handelsleute und Handwerker und Dichter und Weise.

7.7 Das ganze Reich freute sich; und auch die Besucher aus den verwandten Völkern, wie Vasok oder Ilminodu oder Ame-Hotan oder Ege und Kernei und andere noch. Da wurde auch frische Stärke gegeben gegen die bösen Geister und die wesenlosen Dämonen durch all dies. Dabei war die Hand Gottes so groß, daß er Vorbereitung getroffen hatte, das Licht Ischtars hinauf bis nach Gohnland leuchten zu lassen und zu allen verwandten Völkern.

ACHTES KAPITEL

8.1 Wie der König die Stadt Kuthar erreichte, da rief man ihn in den Tempel, wo ein junges Mädchen hingekommen war, das von der südlichen Küste des Landes stammte und überall lehrte, was von der gotthaften Ischtar sie gehört hatte. Darüberhinaus aber sprach dieses Mädchen, was durch das Jenseits hindurch ihr von Ischtar eingegeben ward, den Menschen mitzuteilen.

8.2 Darüber wunderte sich der König und er wünschte, das Mädchen zu hören, das eine Irini (Seherin) sei. Denn er glaubte anfangs nicht an das, was ihm erzählt wurde. Also begab sich Sar-Kyan in den Tempel der Stadt, um mit der lrini zu reden.

8.3 Da begegnete ihm im Tempel zuerst ein greiser Mann, dessen Blick so klar war wie der Himmel über dem Meer. Und der Greis sprach zum König: "Heil dir, Sar-Kyan, König des Reiches! Eingekehrt ist der Geist Gottes!"

8.4 Und der König sagte: "Heil dir, der du schon mehr weißt als ich!"

8.5 Der Greis führte den König weiter durch die Hallen des Tempels und fragte dabei: "Bist du nicht in der Heimat der Vorväter gewesen, dort im Lande der Mitternacht ? Und hast du nicht den Gottesgeist wehen sehen über der heiligen Insel? Da ist einst der Anfang geschehen. Dorthin zurück wird es unser Geschlecht führen, in das Land unserer Ahnen."

8.6 Der König entgegnete ihm: "Jeder hörte davon, doch keiner weiß es genau. Die heilige Insel - ich sah sie - ist gleich einem schroffen Fels, wie vom Himmel gefallen und steil aufragend aus dem Meer; wilde Wogen umschäumen sie dort. Ehrfurchtgebietend ist sie anzuschaun, kein anderer Ort dieser Welt gleicht diesem. Den Geist der Gottheit hörte ich wohl atmen, vernahm aber die Botschaft nicht."

8.7 Der Greis erwiderte: "So war dein Wesen dafür noch nicht reif, mein König. Sprich mit der lrini - und bald wird er es sein."

NEUNTES KAPITEL

9.1 Zu dieser Zeit war auch der König schon alt an Jahren, aber noch immer jung im Geiste, voranstürmend, erobernd und suchend. Und so ging er zu der lrini, sie zu befragen.

9.2 Ihr Name war Sinea und sie war noch sehr jung. Der König erblickte sie in einer Nische des Tempels, und eine Priesterin war bei ihr. Beide saßen sie bei einer Schale flammenden Öls. Der König konnte das Gesicht der lrini nicht sehen, denn sie hatte das Haupt gesenkt und war eingehüllt von der Flut ihres offenes Haars; doch ihre Stimme war zu vernehmen

9.3 und die lrini sprach: "Habt ihr die lichten Wolken gesehen? Weißen Vögeln gleich ziehen sie dahin mit schweigenden Schwingen. Von Thale kommen sie her - aus der Heimat der Ahnen. Vieles kündet ihr Spiegelbild, manches deutet ihr Schatten. So sprechen wortlos die Wolken von Thale (Thule). Boten sind sie, Zeichen sind sie; achtet der Formen des Windes, der sie blies."

9.4 Der König trat näher heran und sprach: "Heil sei mit dir, lrini! Vom Lande der Altvorderen sprichst du da wohl? Von der seligen Insel, deren Geheimnis niemand kennt? Weißt du noch mehr?"

9.5 Daraufhin hob die lrini den Kopf und fuhr zu sprechen fort: "Ein Bild will ich euch geben, das herbeischwebt auf der Wolken Flügel, ein seltsames Bild aus uralten Tagen. Hört es und schaut:

9.6 Ein Gebirge aus silbernem Eis zeige ich euch. Und eine Stadt, gebildet aus blauen Palästen, schimmernden Zinnen, hochragenden Tempeln, von weiten Wassern umspült.

9.7 Eine Insel, auf der all dies steht, zeige ich euch - einsam im höchsten Norden. Die Spitze des Weltenberges seht ihr von dort.

9.8 Eines Turmes Höhe will ich euch zeigen, auf jener Insel steht er erbaut. Fest ist sein Sockel, stark seine Mauer, einzig seine Pracht, aus blauem Kristallstein errichtet. Riesen schufen ihn einst, große Geister. Ihre Kinder sind wir.

9.9 Einen kostbaren Hafen zeige ich euch mehr. Aus klarem Eis ist er gehauen. Darin warten hurtige Schiffe.

9.10 Ein schlimmes Wetter will ich weiter euch zeigen. Es kommt mit gierigen Fingern von kaltem Gebein, umschließt die Insel, drängt herbei über das Meer - grausam und wesenlos.

9.11 Eine kalte Sonne will ich ferner euch zeigen. Blaß hängt sie unter dem Himmel, kaum wärmt sie das Land. Die Frucht erstarrt auf den Feldern, weiße Nebel ersticken der Bäume Geäst, nicht grünen sie mehr.

9.12 Zeit ist es nun, zu bemannen die Schiffe, zu suchen das Meer, zu fliehen die Insel. Als weißer Berg bleibt sie verschlossen zurück - keine Spur mehr des Lebens, kein Zeichen, was einstmals war.

9.13 Ein Geheimnis zeig' ich euch so. Keiner kennt es, niemand findet es mehr auf. Der Ahnen Wohnsitz war es gewesen."

9.14 Jetzt sah die lrini den König an und bot ihm Gruß: "Der Gottheit Friede sei mit dir, mein König."

9.15 Der König erwiderte den Gruß und sprach zur lrini dann: "Vieles siehst du, lrini, manches weißt du. Wie steht es um den Sinn hinter dem Sinn aller Dinge?-

9.16 Zu allem Anfang, heißt es, war nichts als dunkle Wirrnis, stumm und trüb, raumlos und ohne Grenzen, ewig und ohne Zeit.

9.17 Der Geist ILU aber war - und dieser entbrannte in Liebe zu seinen eigenen Ursprüngen; und nachdem er sich mit ihnen vereinigt hatte, geschah so der Beginn aller Weltenentstehung.

9.18 So ist überliefert das Wissen der Weisen, so lehrt es die Botschaft der Gottheit. Weißt du noch mehr?

9.20 Das Reich baute ich - gewaltig und stark -, bis zum Mitternachtsberg reicht mein Arm. Was zu schaffen war in der Erdenwelt - ich schuf es. In die nächste Welt schweift heute mein Sinnen, zu ergründen den Kreislauf der Ewigkeit in Unendlichkeit. Weißt du dazu mir Rat?"

9.21 Die Irini richtete in die Flammen den Blick und gab Antwort: "Dämonen haben weder Vater noch Mutter, haben weder Bruder noch Schwester, weder Weib noch Kind. Sie sind weder männlich noch weiblich, einen Unterschied zwischen Gut und Böse kennen sie nicht. Sie sind wie umherschweifender Sturm. Mitleid ist ihnen fremd, Erbarmen haben sie nicht; sie hören weder Gebete noch Flehen. Wesenhaft wesenlos sind sie - und sind doch überall.

9.22 Willst du die nächste Welt von dieser aus sehen, mein König, so wirst du Dämonen begegnen, die du jetzt noch nicht siehst, obgleich sie schon da sind. Fetzen von Menschengeist sind auch viele von ihnen, verlorene Wünsche, umherirrender Wahn, auf der Suche nach einer neuen Behausung.

9.23 In manche Menschen ziehen sie ein: Fremde Gedanken und fremder Wille, besetzende Kraft. Kaum einer bemerkt es. Nur manche erkennen den Dämon in sich. Die meisten erliegen dem leicht, was urfremd in sie trat."

9.24 Da sagte der König: "Für deine Worte danke ich dir, lrini. Doch das alles will ich nicht hören. Berichte mir, was von der Gottheit du weißt, von allem Anfang, von Sinn und Zweck - geboren aus raumloser Unendlichkeit und zeitloser Ewigkeit. Woher kam alles einst und warum? Vor Jahrtausenden wußten die Altvorderen es - doch die Zeit hat das Wissen hinweggespült.

9.25 Bist du wirklich weise und von Ischtar erleuchtet, so kannst zu allem du mir Antworten geben."

ZEHNTES KAPITEL

10.1 Die lrini blickte den König an und gab Antwort: "Ewiger Reigen ist alles, mein König, ein Kreisen um sich und in sich selbst.

10.2 Denn dies ist das letzte Geheimnis: Daß alles stets war und stets ist, seit es wurde; endlos sich bewegender Reigen - Anfang und Ende vergaß er sich selbst.

10.3 So ist ewiges Wissen bei der Gottheit von Voranfang her aus sich selbst, geschlossener Kreis, nicht erinnert er Anfang und Ende."

10.4 Der König wendete sich nun der Priesterin zu und fragte diese: "Priesterin! Was sagt die Lehre der Götter dazu?"

10.5 Daraufhin die Priesterin sprach: "Ereschkigal befragte darüber einst die Eulen, die in düsteren Höhlen hausen des Tags und die Welt bloß schauen zur Nacht. Die erste Eule sprach: 'Wo das Licht aufhört, ist der Anfang des Kreises; und wo die Dunkelheit aufhört, ist sein Ende.' Und die zweite Eule sprach: 'Denn alles hat einstmals begonnen im Licht, durchwandert die Dunkelheit und kehrt zum Lichte zurück.'

10.6 So ist alles dies eines, unlösbar miteinander verwoben sind die Räume und Zeiten. Und das Geborenwerden und Sterben eines Menschen auf Erden sind nur Augenblicke seiner Ewigkeit.

10.7 Dreieinheitlich ist der Mensch: Der Geist gibt das Wesen, die Seele die Form, die Gottheit das Leben.

10.8 Geist-Seele-Leben das ist der Mensch."

ELFTES KAPITEL

11.1 Der König bedankte sich für dieses Wort. Wieder der lrini sich zuwendend sagte er: "Nun laß' du mich mehr erfahren als dies, lrini."

11.2 Und die lrini sprach: "Dies ist, was zu allererst ich sah: In jener Zeit, die noch vor dem Sein ILs (Gottes) und vor jeglicher Schöpfung lag, da gab es nur Geistkräfte je nach männlicher oder nach weiblicher Art; die nicht wußten von sich, die nicht ahnten ihre Macht.

11.3 Aber sie kamen zusammen - zum anderen mal - angezogen zu sich durch sich selbst. Und sie ballten und stärkten sich gegenseitig. So kam es, daß irgendwann, nach immer wieder vollzogener Vereinigung, nur mehr je eine große männliche und eine große weibliche Kraft da war. Und diese waren die Kräfte ILU. Sie trafen aber erneut aufeinander, entfachten dabei ein unbeschreibliches Licht, welches versprühte unzählige Funken zukünftigen Werdens.

11.4 Dieses war der Voranfang. Alle jene versprühten Funken ILUs aber bildeten den Samen für das, was kommen sollte; noch bewußtlos und brachliegend in der Vorewigkeit.

11.5 Was war, bevor alles war, was schuf, ehe Erschaffenes war, was war ohne Ursache und ohne Anfang und ist ewiglich ohne Ende; was da wirkte in allem, was ist das wahre Sein und des Lebens Kraft alles Lebendigen; was über allem steht und was alles ausmacht, das ist ILU, das sind die Kräfte des Männlichen und des Weiblichen, allschaffend und allüberall - nicht wissend von sich und namenlos.

11.6 Im beginnlosen Anfang waren nicht Stunden noch Tage, war keine Zeit, waren nicht Luft noch Wasser noch Land, war kein Raum, waren weder Licht noch Dunkel, weder Wärme noch Kälte, gab es keine Gebilde, war kein Oben und kein Unten, war weder das Diesseits noch das Jenseits, war kein Laut und kein Schweigen. Allein das Unerahnbare war.

11.7 Und über der Unerahnbarkeit schwebte ILU; nicht ahnend von sich, schwingend in sich selbst.

11.8 Im Damals des nichtseienden Seins aber waren auch schon alle die noch lichtlosen Funken dessen, was belebt werden sollte, Setzlingen gleich, in die schon hineingegeben, was später sich aus ihnen entfalten soll, und Namen gar, wie eingeritzt in die Rinden.

11.9 Nichts aber war, was bewegt hätte, nichts war, was gewußt hätte von sich und von alledem: Von den Sträuchern und den Bäumen und den Gräsern und den Blumen, von den Faltern und den Tieren für das Land, den Fischen für das Wasser und den Vögeln für die Luft; von den El (Großengel) und den Igigi (Engel), aus welchen Menschen werden sollten, von den Dämonen - und auch nicht von IL, dem höchsten Gotte des Kommenden.

11.10 Und über alledem schwebten die Kräfte ILU, die allmächtigen - ahnungslos während Kreisläufen der zeitlosen Ewigkeit.

11.11 In tiefem Schlafe lag alles zu Voranfang, nicht wissend von sich und von dem, was da werden würde; Schwingung war bloß, und Schwingung war alles.

11.12 Denn eines ist Alles und dies ist überall: Es sind die Schwingungen und die Ströme. Von ILU rühren sie her.

11.13 Und weil auch alles, was da an noch lichtlosen Funken dessen, was zu Leben kommen mochte, einjeder der seiend-nichtseienden Setzlinge, angetan war mit einer ganz eigenen Schwingung, daher kam es, daß eines bestimmten Setzlings Schwingung derjenigen von ILU recht ähnlich war. Dies brachte, daß es die Kräfte ILU zu diesem Setzling hinzog. Und dieser Setzling war der von IL, welcher zu Gott dem Höchsten werden sollte.

11.14 Es geschah auch, daß die Kräfte ILU gerade über jenem Setzling zusammentrafen und sich da vereinigten. Und damit geschah der wirkliche Anfang.

11.15 Bei der Vereinigung der Kräfte ILU, des männlichen mit dem weiblichen, widerfuhr zuerst eine große Wirrnis, aus welcher verschiedene Dinge hervorgingen, sowohl das Lichte wie auch das Finstere; und keines aber war gut oder böse, es war sich selbst wert. Und es entstand 'Mummu' - das ist: Das Begreifbare, was Raum hat und Zeit.

11.16 Die Macht aus ILU war nun eingezogen in IL, jenen ersten belebten aller Setzlinge, der allein von allen vollkommen war. IL - Gott - war geworden.

11.17 Und IL trank die Kräfte ILUs, stärkte sich für die wissende Tat.

11.18 Als die Kräfte ILU von IL wieder sich lösten, um weiter die Kreisläufe der Ewigkeit mit sich zu durchwandern, da besaß IL die Macht des einzigen Gottes.

11.19 So ist ILs Gottheit gekommen aus den Kräften ILU, der ewigen Allmacht.

11.20 Wie aber IL Bewußtheit erlangte und sah, er war Gott, da begann er, die ihn umgebenden Dinge zu ordnen. Die reinen und lichten Stoffe fügte er zum einen, die unreinen finsteren zum anderen, ordnete an, erprobte seine Macht, wurde schaffend.


ZWÖLFTES KAPITEL

12.1 Und so schuf Gott ein lichtes Reich ganz nach seinem Wesen, das vollkommen licht war. So wurde zuerst das Reich ILs, das Reich Gottes, das auch das Reich ILU genannt wird.

12.2 Nachdem dies vollendet war, und alle jene Dinge und Stoffe, die für das Reich der Reinheit nicht taugten, von Gott hinter die Ränder des seienden Nichtseins verbannt worden waren,

12.3 da sah Gott sich um und siehe, da war das stille Meer aller der vorhandenen Setzlinge dessen, was zu Leben kommen konnte.

12.4 Und Gott nahm sich all der vielen noch lichtlosen Funken an, die, zu sich erwachend, er neben sich vorgefunden hatte;

12.5 und sandte in sie hinein den Strahl des Lebens aus der Kraft ILU, die er in sich aufgespeichert hatte, damit alles zum Leben kommen sollte.

12.6 Also gab Gott seinem jungerschaffenen Reiche Belebung, denn dazu hatte er es errichtet

12.7 und in diesem Sinne hatte die Allmacht des ewigen Reigens gewaltet.

12.8 Waren der Geist und die Seele - das Wesen und die Form - von Voranfang her allen den Funken zueigen, so kam die Kraft des Lebens dazu jetzt aus IL.

12.9 Ewiglich und unzerstörbar ist daher alles, was lebt. So sind auch wir, die wir als Menschen durch das Erdendasein gehen, Wesen ewigen Lebens.

12.10 Niemals verlieren wir uns selbst, unauslöschbar ist unser Ich.

12.11 Weit wandern wir so - und doch immer wir selbst.

DREIZEHNTES KAPITEL

13.1 Das Reich Gottes aber war ein Reich vieler verschiedener, größerer und kleinerer Welten; und diese alle hatten aber das gleiche wunderbare Licht Gottes aus dem ILU. Und die Welten hingen wie schwebend darin. Es war ein anderer Boden und ein anderes Wasser und ein anderer Himmel als solches auf Erden - und war doch da.

13.2 Und alles war über die Maßen schöner und reiner, weiter und mannigfaltiger als auf der Erdenwelt. Durch den Wunsch des Geistes geschah die Bewegung.

13.3 Einer Fülle von Sternen ist das Reich Gottes zu vergleichen, und einjeder dieser Sterne eine wunderbare Welt.

VIERZEHNTES KAPITEL

14.1 Überall in des Gottesreichs Gefilden regte das Leben sich bald. Pflanzen und Getier breiteten sich aus - und auch El und Igigi (Großengel und Engel), menschenähnlich, genossen das bewußtgewordene Leben.

14.2 Gott freute sich über alles dies.

14.3 Allein die Dämonen entflohen sogleich aus des Gottesreichs Licht in das Dunkel des Irgendwo.

14.4 Prächtig und wunderbar aber war das Reich Gottes in allem. Weder Drangsal noch Kümmernis gab es darin, nicht Altern noch Krankheit und Sterben, nicht Mühsal noch Leid; und keiner wußte, daß es anders möglich wäre.

14.5 Und alle Wesen, die einen Geist hatten, zu begreifen, die El und die Igigi, dankten Gott und priesen ihn, weil er sie aus dem nichtseienden Sein erlöst und belebt und in diese wunderbare Welt gefügt hatte.

14.6 Alle diese, welche mit dem Geiste begreifen können, wurden verzeichnet mit ihren Namen in den Tafeln des Lebens.

14.7 Denn Gott wußte von Anfang an, was noch kommen mußte; er ist allschauend.

14.8 Da gab es im Gottesreich Frucht und Trank in Fülle und allzeit Gelegenheit zu fröhlichen Spielen. Und es hub Leben und Weben an, gefällig dem Gott.

14.9 Es war aber auch so, daß die lebendigen Wesen sehr verschiedener Art waren. Nicht allein nach Pflanze und Tier, Vogel und Fisch, Igigi und El, sondern auch unter und zwischen diesen. Viele waren treumütigen Wesens und also wunschlos zufrieden mit ihrem himmlischen Dasein. Andere aber gab es, besonders solche, die starken Geistes waren, die bald nach anderen, eigenen, Taten sich sehnten. Denn waren der Möglichkeiten, sich zu betätigen und sich zu entfalten auch unendlich viele, blieb doch ein unergründbares Streben bestehen in jenen, das sie selbst nicht verstanden.

14.10 Nach Kreisläufen der Ewigkeit hatten sich verschiedene Gruppen gebildet im Gottesreiche, fast Völkern ähnlich; es waren Stämme entstanden. Und geradeso, wie von Gott und der Allmacht geordnet, waren die Stämme jeweils von eigener Art, so daß zusammengefunden sich hatte, was jeweils gleich und zueinander passend war.

14.11 Und alle lebten sie einvernehmlich im himmlischen Gottesreich. Die Stämme der Größeren und Klügeren wirkten mit für die Kleineren; und die Kleineren freuten sich über das, was die Größeren schaffen konnten - ohne ein Kennen von Neid und ohne sich selbst zu verkennen;

14.12 und keiner empfand höheren oder geringeren Wert, sondern einjeder hatte seinen eigenen Platz, jeder Stamm gar seine eigene Welt, die nach seinem Besonderen gestaltet war.

14.13 Unter den El und Igigi einiger Stämme aber mehrte sich die Sehnsucht nach dem Unbekannten, von dem sie nicht wußten. Und wie Gott dies gewahrte, schuf er neue Möglichkeiten für diese. Doch war dies wiederum so eingepaßt in den allgültigen Rahmen des lichten Geistes Gottes, daß es die fremde Sehnsucht jener nicht aufzuheben vermochte.

14.14 Die Stämme der Treumütigen und Einfältigen hatten nun weitere Spielwiesen, auf denen sie sich fröhlich ergingen. Auch manche kluge Sinnierer hatten ihre Freude daran. Die Stämme unruhigen Geistes indes fanden bald, daß dies abermals nicht ihrem Wesen gemäß sei. Viele von ihnen verfielen in Traurigkeit, Sehnsucht bohrte in ihnen, nach neuen Ufern zu suchen. Und doch wußten sie nicht, wie das geschehen mochte, noch wie es wäre, fände es statt."

14.15 Da unterbrach der König die lrini und rief aus: "Wahrlich! Ich fühle es nach! Zu forscher Tat drängt unser Wesen. Kampfesgeist herrscht, die Luft des Sturms und die Stunde des Feuers! Kein Vorwärts scheuen wir. Wenn der Mond auch die Sterne auffräße und die Sonne den Mond, wenn das Meer über den Himmel stiege und die Sonne ertränkte - wir ertrügen auch dies! Und nun, lrini, berichte mir weiter."

14.16 Die lrini sprach also weiter: "Es war aber auch so, daß überall ein Zusammenklingen des Männlichen und des Weiblichen stattfand, wenn gleich nicht in jener Weise, wie in der Erdenwelt. Denn dort im göttlichen himmlischen Reich ist kein Werden und kein Vergehen, Geschlechtlichkeit gibt es da nicht. Das Männliche meint dort bloß Aussehen und Geistesart, und ebenso meint das Weibliche dort bloß Anblick und Wesen. So ist aber eben dieser Unterschied zwischen den männlichen El und Igigi und den weiblichen El und Igigi schon rein äußerlich ein noch auffallenderer als zwischen Mann und Weib der Erdenwelt. Das Weibliche hat dort im Gottesreich noch mehr an Anmut und Zartheit, das Männliche hingegen noch mehr an Größe und Kraft. So ist die Weise, wie Männer und Frauen auf der Erde sich geben, ein Abglanz davon.

14.17 Einen Unterschied aber an Wert und Würde gibt es nicht; einejede Natur hat ihren eigenen Wert und ihre eigene Würde von selbem Maß.

14.18 Also hat alles dort im himmlischen Gottesreich Paarsamkeit, der Gefährte die Gefährtin, die Gefährtin den Gefährten, obgleich Geschlechtliches es nicht gibt und auch keine Vermehrung, da alles in allem auf ewig belebt ist und lebt. Die traute Paarsamkeit liegt tief im Wesen der Igigi und El - wie in dem der Menschen, welche aus ihnen kamen.

14.19 Die El und Igigi der verschiedenen Stämme aber vermischten sich nie, getreu der ewigen Ordnung. Wohl trafen sie einander, wie auf Erden die Menschen verschiedener Völker sich treffen, doch bloß auf Zeit.

14.20 Die Verschiedenheit der Stämme ist deutlich auch dort. Es gibt weise und einfältige, starke und schwache, und viele haben unterschiedliche Farbe und Form. Und also wiewohl die Stämme miteinander verkehrten, blieben sie doch stets unter sich, um das Gefüge der Allmacht zu wahren.

14.21 Dies war so geordnet, weil der reine Frieden allein dort herrschen kann und erhalten bleiben, wo Einklang ist.

14.22 Was zueinander paßt, zeugt Frieden; was verschieden ist, zeugt Streit.

14.23 Wer den Schwachen unter die Starken versetzt, befördert des Schwachen Neid und des Starken Verachtung. Deshalb hat Gott weise getrennt. Was Gott geschieden hat, der Allschauende, soll nicht zusammengefügt werden; wo Gott für Einklang Sorge trug, soll nicht hineingegriffen werden. Das ist das Gesetz des himmlischen Friedens.

14.24 Wie dann der abfallende Großengel diese Ordnung zerbrach - wovon noch zu hören sein wird -, da zerbrach auch der himmlische Friede."

14.25 Wie nun die lrini auf einen Augenblick in ihre Gedanken versank, sagte die Priesterin dies: "Unsere Erdenwelt, mit allen Ländern, Meeren und Sternen, ist eine Nachgeburt bloß. Fern von hier liegt die wahre, die himmlische Welt. IL und ILU ist Gottheit und Allmacht allein. Was das Volk die Götter oft nennt: Anu, Ea, Enlil, Ischtar, Bel, Nergal oder Ereschkigal und Marduk - auch das sind nicht Götter, sondern mächtige Engel des Jenseits."

FÜNFZEHNTES KAPITEL

15.1 Die lrini stimmte mit einem Blick diesen Worten zu, um dann weiterzusprechen: "Einmal saßen Bel und Belit auf der Spitze eines wie goldenen Berges im Gottesreich. Im schönsten Licht jener strahlenden Welt. Doch sehnsuchtsvoll schweifte ihr Blick in die sanften Weiten des Dunkels, welches hinter den Rändern des Gottesreiches sich ausbreitete und grenzenlos war. Und wie von ungefähr fühlten sie in sich ein hoffendes Ahnen kraft solcher Sehnsucht, deren Quell sie nicht kannten. Und wie so ihre Blicke sich trafen, da entstand der Wille zur Tat.

15.2 Da näherte sich Gott den beiden und sprach zu ihnen: 'ihr lebt im schönsten Lichte meines Reiches, das ich für euch und die anderen El und Igigi geschaffen habe. Und doch wünscht ihr euch fort von hier in die dunklen Fernen. Ihr wißt nicht, was zu verlassen ihr ersehnt und ihr ahnt nicht, was die Erfüllung eurer Sehnsucht bedeuten würde.'

15.3 Daraufhin entgegnete Bel: 'IL, Herr, gut ist dein himmlisches Reich für alle, die in das Maß passen, das du angemessen hast. Manche aber sind dieses Maßes nicht. Solche sehnen sich fort.'

15.4 Gott aber deutete in die dunkele Ferne und sprach: `Hinter den Grenzen meines Reiches liegt die Dunkelheit, und hinter dieser die Finsternis. Ihr könnt dies nicht kennen, ich weiß es wohl. Deshalb glaubt meinem Wort.' Und er ließ Bel und Belit wieder mit sich und ihrer Wehmut allein.

15.6 Von ferne aber hatte dies die Dämonin Lamaschtu mit angesehen und kam herbei von den äußersten Rändern des seienden Nichtseins, aus den Schluchten der Finsternis, um zu schauen, wer da auf dem Berg sei.

15.7 Einen Schimmer davon gewahrten Belit und Bel; und das war zum erstenmal, daß sie bemerkten, es mußte noch Unbekanntes da sein, jenseits der Grenzen von ILs Reich, Unbekanntes und Fernes, das zu entdecken und zu ergründen wohl reizte.

15.8 Es saßen aber zur selben Zeit am Ufer eines wie goldenen Stromes im Gottesreich Ea und Ischtar. Vor sich hin sinnend sahen sie dem Spiele der munteren Fische zu. Da trat Gott herbei und sprach:

15.9 'Einige in meinem Reiche hat fremdartiges Verlangen ergriffen. Ihr wißt dies - und auch ihr seid nicht heiter.'

15.10 Da erhob sich die Ischtar und sprach: 'Es ist wohl, weil unser Tun und Treiben dem der Fische dort gleicht. Doch wir gleichen den Fischen nicht. Vielen erwuchs Sehnsucht nach etwas - und keiner weiß, was es sein mag.'

15.11 Daraufhin entgegnete Gott: 'Weil ihr es nicht wißt, verspürt ihr Sehnsucht danach. Kenntet ihr es, würdet ihr euch nicht danach sehnen.'

15.12 Am Rande eines Waldes, dessen Bäume wie goldene Blätter tragen und die köstlichsten Früchte im Gottesreich, gingen zur selben Zeit Marduk und Ereschkigal.

Vielfarbige Vögel beobachteten sie, wie diese musizierten zwischen den glänzenden Zweigen. Da sagte Marduk: 'Gerade so wie die Vögel tun leben auch wir hinein in die Ewigkeit. Im ewigen Licht und in endlosen Spielen. Das kann nicht alles sein, was in uns gelegt ist seit Anbeginn.' Und schweigend schritten beide weiter durch den glitzernden Hain.

15.13 Da schlich Nergal herbei und redete sie an: 'Ei, ihr Guten! Möchtet ihr vielleicht einen Gedanken ausgesprochen vernehmen, den viele denken, niemand aber auszusprechen sich traut? Ich nenne ihn euch geschwind: Dies alles hier kann nicht unsere Welt sein, dies alles ist ILs Maß, nicht das unsrige. Etwas Neues gilt es zu schaffen! Und wir selbst müssen es tun - denn Gott tut es nicht. Laßt uns bald reden darüber mit allen denen, die sich befreien wollen aus ILs Reiches Grenzen.'

15.14 Unter den vielen Igigi und El gab es jedoch auch einige, die boshaften Wesens waren; und zwar einige in etwa einem Drittel der Stämme. Und wie diese Boshaften auf je einen Stamm auch wenige waren, so genügten sie doch zusammen, einen boshaften Stamm aus sich zu bilden.

15.14 Zum Anführer der Boshaften aber hatte sich aufgeschwungen ein El namens Jaho (Jahve).

15.15 So war der Stamm des El Jaho ein eigenartiger Stamm, sehr verschieden von allen anderen Stämmen im Gottesreich;

15.16 denn zuwider der ewigen Ordnung war der Stamm des Jaho ohne inneren Einklang, weil seine Mitglieder aus unterschiedlichen Stämmen herkamen und also auch von unterschiedlicher Weise waren; durcheinander Große und Kleine, Kluge und Törichte, El und Igigi aus verschiedenen Farben und Wesensarten. Es waren alle die Boshaften aus den einzelnen Stämmen, die zum neuen Stamme sich zusammengetan hatten,

15.17 zu einem Stamm aber, dessen Gemeinsamkeit nicht der Einklang von Form, Wesen und Art war, sondern die gemeinsame Bosheit.

15.18 Dies aber bewirkte, daß in dem uneinheitlichen Stamm die Zwietracht schrecklich anwuchs. Denn weil die El und die Igigi des neuen Stammes nicht einander gleich waren, wucherte bisher unbekannt gewesenes aus, das da hieß 'Neid' und 'Mißgunst' und 'Häme' und 'Heimtücke` und 'Haß'.

15.19 So wurde der neue Stamm der Unterschiedlichen zum Stamme überschäumender Bosheit.

15.20 Alles dies brachte die erste Störung des himmlischen Friedens. Der Stamm des El Jaho, dieses bizzarre Gemenge, glühte bald in Haß wider Gott und die Macht von ILU.

15.21 Da begab sich Gott zum Jaho und sprach zu diesem: 'Jaho! Dein Treiben und das deines falschen Stammes ist von gefährlicher Art. Zum Schattenwesen drohst du zu werden, zu einem Schaddein, zum Verworfenen.

15.22 Lasse ab von dem und sorge, daß wieder geordnet werde, was verworren worden ist.'

15.23 Der Jaho indes spie Wut gegen Gott und sagte: 'Deine Belehrungen brauche ich nicht! Deine Göttlichkeit anerkenne ich nicht! Hätten die Kräfte ILU statt bei dir über mir sich vereinigt, so wäre heute ich der Gott! Gib also deine Macht ab an mich, der ich sie besser zu nutzen weiß als du!'

15.24 Gott entgegnete ihm: 'Allein bei demjenigen konnte ILU sich vermählen, der ILUs Wesen hat. Bei dir wäre das unmöglich gewesen. Du weißt also nicht, was du redest.

15.25 Werde weiser und suche Frieden mit dir und mit allen anderen.' Und Gott wendete sich ab, denn er wußte, daß das Böse sich auswirken mußte. In Jaho aber wühlte ein schrecklicher Zorn.

15.26 An anderer Stelle im Gottesreich, am Ufer eines wie goldenen Sees, trafen sich wieder Ischtar und Ea; und in ihnen war ein Erblühen des sonderbaren Sehnens, das schon manchen ergriffen hatte.

15.27 Deshalb sprach zu ihrem Gefährten die erkennende Ischtar : 'Ein Raunen geht um in Gottes lichtem Reich. Und in mir tönt eine Stimme - ganz leise und doch vernehmbar -, die desgleichen flüstern will hier und da.'

15.28 Darauf erwiderte Ea: 'Auch mir ist dieses Raunen vertraut, das du meinst. Von urtiefer Sehnsucht will es uns sprechen, von Dingen - fern und unbekannt die uns doch - heimlich nahe sind von Anbeginn her. Gott aber weiß, weshalb er seinem Reiche keinen Boden gab, der solchen Raunens Früchte möchte gedeihen lassen. Laß' uns Vertrauen haben zu ihm, der von allem mehr weiß als wir.'

15.29 Ea richtete seinen Blick auf das schimmern der Wasser und sagte: 'Siehe, Ischtar, wie das Wasser des Sees in seine Mulde sich schmiegt. So vermag es, das Licht des Himmels an sich zu nehmen in seinem Spiegelbild. Schlüge es unruhige Wellen, das Wasser - es könnte nicht mehr des strahlenden Himmels Abbild sein.'

15.30 Da hob Ischtar den Blick von der still-schimmernden Fläche des Wassers empor und sprach: 'So sind wohl auch wir Spiegelbilder des Lichts - Widerschein Gottes. Und doch sind wir auch unser ureigenstes Selbst.' Und Ea sprach dazu: 'ILUs Kinder sind wir.'

SECHZEHNTES KAPITEL

16.1 Weiterhin verstrichen Kreisläufe der Ewigkeit. Das Leben und Treiben im Gottesreich blieb beinahe unverändert; reich an Schönheit und Ruhe und himmlischem Frieden.

16.2 Aber einmal sammelte der El Jaho seine Schar um sich, um zu dieser zu reden, und er rief aus: 'Genug ist gewartet! Den IL, der sich Gott nennt, brauchen wir nicht! Gott ist, wer 'Gott' genannt wird! Deshalb sollt ihr alle mich fortan euren Gott nennen und mich anbeten! Ich werde euch dafür großartig belohnen!'

16.3 Und viele des falschen Stammes, wie sie bei ihm standen, riefen laut: 'Jaho soll unser Gott sein! Jaho ist unser Heiliger! Er ist Gott - und für uns der einzige!'

16.4 Dies aber hatte der schreckliche Dämon Pazuzu von ferne vernommen, lauernd am Rande des seienden Nichtseins. Und Pazuzu merkte sich den, der ein neuer Gott sein wollte.

16.5 Und da nun davon Kunde in das Kuthagracht drang, in das grausige Reich der Dämonen, welches am äußersten Rande zum Nichtsein liegt, da beförderten einige der Dämonen Teile von Schöpfungsschlacke nahe an die Grenzen des Gottesreichs, damit sie von dort aus zu sehen sei, und die El und die Igigi neugierig mache - wie es auch geschah.

16.6 Denn bald schon sahen viele Igigi und EI, was die Dämonen herbeigeschleppt hatten; und darüber staunten sie sehr. Einige verwunderten sich besonders über das Unbekannte, und diese sagten: 'Seht doch, da gibt es noch manches, wovon Gott uns nichts verraten hat! Vielleicht, daß wir dorthin ziehen und eine eigene Welt bauen?'

16.7 Sie wußten aber nicht, daß jene Schlacke der Schöpfung nur das war, was Gott nicht für seine Schöpfung benutzt hatte, weil es zu nichts Gutem taugte.

16.8 Weil aber Gott von alledem wußte, besuchte er Bel, als jener zum anderen Male auf dem Gipfel eines wie goldenen Berges stand und in die Weite hinaus schaute. Und Gott sprach zu Bel und sagte: 'Gut weiß ich, daß du dich fortsehnst von hier, Bel, und daß auch andere solches Verlangen in sich verspüren.'

16.9 Da wandte Bel sich bittend an Gott und sagte zu ihm: '0, Gott, der du alles vermagst, hilf uns, den eigenen Weg zu finden, der uns bestimmt sein muß, wie wir es fühlen auf geheimnisvolle Weise. Wir sehen die Ferne - und schon verspüren wir den Wunsch, hinauszuziehen, Neues zu entdecken und Neues zu bauen. Eine Kraft ist da, die wir nicht herbeigerufen haben und die dennoch in uns ist.'

16.10 Gott aber entgegnete ihm: 'Diesen Wunsch kann ich euch nicht erfüllen. Denn täte ich es, so würden viele euch folgen aus ahnungsloser Neugier, heitere Spiele erwartend. Diese könnten den Kampf nicht bestehen, den es zu kämpfen gelten würde. Sage dies den Deinigen und verharre in Frieden.' So blieb Bel auf dem wie goldenen Berge zurück, mehr denn je aber verlockte die Ferne.

SIEBZEHNTES KAPITEL

17.1 Es kam der Tag einst im Gottesreich, da die Sehnsuchtvollen auszogen und so ihr Schicksal erfüllten. Bel und Belit führten sie an: Viele El und viele Igigi. Marduk war auch unter ihnen und die Ereschkigal; doch auch der Jaho, der finstere.

17.2 Ein großer Jubel begleitete die Tapferen, die da ihre eigene Freiheit suchten.

17.3 Bald hatten die Ausziehenden des Gottesreiches Grenzen hinter sich gelassen. So blickten sie kurz zurück auf jene lichte Welt, deren Schein noch in das Dunkel des Neuen strahlte, dem sie nun entgegenzogen. Grenzenlos lag vor ihnen das Unbekannte - und der alten Heimat Licht versank mit zunehmender Ferne.

17.4 Wie der Marsch der Tapferen - denn so nannten sie sich selbst - weiter dahinführte, bemerkten sie, wie eine unbekannte Kälte aufzog um sie herum; und eine Veränderung begann mit ihren Leibern vorsich zu gehen - sie wurden zu Wesen einer anderen Art.

17.5 Wie die Ausgezogenen aber der Schöpfungsschlacke sich näherten, aus der sie ihre neue Welt bauen wollten, da fielen Dämonen über sie her und es entbrannte ein schrecklicher Kampf. Und dies war der erste Eindruck des Höllischen.

17.6 Doch die Wanderer hatten schließlich gesiegt. Viele von ihnen hatten Wunden davongetragen. Aber der Schlackeberg war jetzt ihr Eigentum. Die Dämonen rauschten fliehend hinweg. Die Tapferen aber hatten gelernt, daß erkämpft werden muß, was neu gedeihen soll, daß ein Dasein in völliger Freiheit auch ständigen Kampf bedeutet.

17.7 Um so mehr waren sie voller Freude und Stolz allesamt, den noch rohen Klumpen von Schlacke besetzen und also in Besitz nehmen zu können, aus dem sie ihre neue Welt schaffen wollten.

17.8 Wie sie aber jetzt alle da waren, vom Kampf noch erschöpft und umgeben von Kälte, da erstieg Bel den Schlackeberg und sprach zu den Scharen: 'Helden und Heldinnen! Laßt uns nun beginnen und unsere Welt bauen, die "Mittelreich" heißen soll, weil sie auf der Mitte zwischen Licht und Dunkel gelegen ist. Das Neue, das Erstrebte, das Selbstgewählte, schaffen wir jetzt. Mit Grotten und Palästen, Wohnungen und Gärten, Wegen, Toren und Türmen. Eigene Flüsse werden wir haben und eigene Seen - und ein eigenes Licht, das uns leuchtet und wärmt. Auch Wälder und Haine werden wir haben, und Bilder und Wolken und Musik. - Auf ans Werk!'

17.9 Und die Tapferen begannen zu arbeiten und zu schaffen, wie es niemals zuvor geschehen war, durch alle Kreisläufe der Ewigkeit.

17.10 Binnen kurzer Zeit war aus dem Schlackehaufen eine bewohnbare Welt geworden, mit Grotten und Wohnungen, Plätzen und Straßen, Türmen und Teichen. Wärmende Lichter brannten, und alles war wohl gediehen während so knapper Frist und mit so wenigen Mitteln.

17.11 Der Baustoff aber war schon bald verbraucht, und es galt, davon mehr zu beschaffen. Das aber hieß, gegen Kuthagracht ziehen zu müssen, gegen den Hauptwohnsitz der Dämonen. Da solches aber notwendig war, wurde der erste Kriegszug ins Werk gesetzt.

17.12 Eifrig werkten die Bewohner des Mittelreiches an Gerät und an Waffen, schufen flammende Lanzen und sichere Schilde, Pfeile und Schleudern und Panzer und Helm, auf daß der Kriegszug ein siegreicher werde und das Notwendige eintrage für Mittelreichs Zukunft.

17.13 Ein beschwerlicher Weg war das bis an die Ränder der grausigen Finsternis. Eisiger Atem blies aus der Richtung von Kuthagracht her; und bald sahen die Helden des Dämonenreiches zackige Zinnen. Noch außerhalb aber lagerten mächtige schwarzgrün glitzernde Klumpen: Die Schlacke der Schöpfung, die den Eroberern notwendig war.

17.14 Die Dämonen indes erwarteten den Angriff nicht, sondern stürmten selber voran gegen das Mittelreich-Heer. Da schossen die Helden ihre schnellen Pfeile ab und ihre fliegenden Feuer und stürzten sich in den Kampf, bis der Feind endlich zurückwich. So gewannen die Tapferen sich, was zum Ausbau ihrer neuen Welt erforderlich war.

17.15 Wie aber das Heer den Rückmarsch antrat, schwer beladen mit all den Werkstoffen für das Mittelreich, da kam plötzlich der Jaho an die Spitze des Zugs und sprach zu Bel: 'Bel, laß uns nicht mühsam diese Dinge tragen, sondern bessere holen! Gegen das Reich Gottes sollten wir ziehen, es erstürmen und die Herren dort werden! Wir sind ja stark! Also laß' uns ILs Heimstätte einnehmen und dort herrschen. Was uns zusagt,das wollen wir behalten, das andere aber zerstören, die Bewohner zu Sklaven machen und IL selbst an den Baum des Lebens heften, daß ihn jeder verspotte!' Und einige der Anhänger des Jaho riefen: 'Ja, laßt uns so tun!'

17.16 Als Bel dies hörte, schauderte ihn. Und er sprach: 'Wir sind ausgezogen aus Gottes Reich, um aus eigener Kraft ein Eigenes uns zu bauen und eine uns gemäße Freiheit zu finden. Wir sind aber nicht ausgezogen in Feindschaft gegen Gott! Sprecht also nicht weiter solch' törichtes Zeug und übeles Wort! Tragt lieber tüchtig und arbeitet.'

17.17 Wie der Jaho dies hörte, wurde er zornig, stellte sich Bel in den Weg und schrie: 'Du bist nicht anders von Rang als ich! Darum werde ich fortan der Oberste hier sein. Ich werde sogleich das Reich Gottes erobern, ILs Thron dort verwüsten und alle Herrlichkeit gewinnen. Denn ich bin seit jeher derjenige, der eigentlich Gott sein müsste!' Und einige von Jahos Anhängern tobten und riefen: 'Jaho muß unser Gott werden!'

17.18 Da ließ Bel den Blick schweifen über das ganze Heer und rief fragend: 'Wer von euch will statt meiner den El Jaho zum Führer haben?' Da tönte wie ein gewaltiger Sturm das Rufen der Mehrheit: 'Bel ist unser Führer! Bel sei unser König! Der Jaho soll schweigen!'

17.19 Dies erfüllte den Jaho mit verbissener Wut, so daß er seinen Anhängern ein Zeichen gab und schrie: 'Dann sollen alle die mit mir kommen, die meinen Weg gehen wollen! Ich werde mehr und Größeres bewirken, als selbst IL es vermöchte! Wer an sein Wohlergehen denkt, der folge mir, seinem neuen Gott, und bete mich allein an!'

17.20 Es waren auch wirklich manche, die sich jetzt um den Jaho scharten. Und bald zog etwa der sechste Teil des Heeres auf Jahos Seite. Bel gestattete jenen, ihren Anteil an der Beute von Kuthagracht mit sich zu nehmen. Die Abtrünnigen begannen auch sogleich, an Ort und Stelle ein Lager aufzuschlagen, von dem aus sie das Reich Gottes angreifen und erobern wollten. Und weil die Verräter so dachten, bauten sie nicht mit Sorgfalt, sondern ohne viel Mühe aufzuwenden.

17.21 Als Bel fragte, ob er die Gefährtinnen der Abtrünnigen, die noch im Mittelreich weilten, zu diesen schicken solle, sagte der Jaho, das Mittelreich möge die Weiber behalten, denn er brauche bloß Krieger.

17.22 Und wie nun die beiden Gruppen sich trennten, rief der Jaho, von Haß erfüllt, dem Bel nach: 'Du sei verflucht!'

17.23 Und seither herrscht Feindschaft zwischen dem Mittelreich und Jahos Pfuhl, welcher inzwischen die Hölle ist.

17.24 Während das Mittelreich-Heer weiterzog, der neuen Heimat entgegen, bauten die Anhänger Jahos ihre Höllenwelt notdürftig aus; denn noch meinten sie, bald das Gottesreich einnehmen zu können, was doch ganz unmöglich war.

17.25 Bald schon entstand deshalb Unfriede unter den Abtrünnigen, denn Jaho hatte schlecht gerechnet. Zwischen dieser Hölle und dem Mittelreich bestand nun keine Verbindung mehr. Alle Anhänger des Jaho blieben verdammt in ihrem Pfuhl.

ACHTZEHNTES KAPITEL

18.1 Des Mittelreiches Weiterbau ging zügig voran, seine Bewohner waren fleißig, zufrieden und hoffnungsfroh, obschon ihr nunmehriges Dasein ein ganz anderes und mühseligeres war, als einstmals im Gottesreich.

18.2 Vieles hätte aber noch besser werden können im Mittelreich, wäre seine Einwohnerschaft zahlreicher gewesen. Deshalb beschloß Bel, an die Grenzen des Gottesreiches zu ziehen, dort zu berichten und zu fragen, wer womöglich sich noch berufen fühle, auszuwandern in das Mittelreich; denn er wußte aus früherer Zeit, daß mancher zurückgeblieben war, der die Sehnsucht wohl kannte.

18.3 Dies blieb aber auch dem Jaho nicht lange verborgen. Und so machte sich dieser mit einer Schar seiner Teufel ebenfalls auf, um noch vor Bel an des Gottesreiches Grenzen zu erscheinen und für seine Höllenwelt zu werben.

18.4 Wie der Jaho so tat, verkündete er viele Lügen und prahlte, wie unvergleichlich schön die Welt sei, in der er als Gott schalte und walte.

18.5 Auf der anderen Seite sprach Bel ehrlich von den Mühen und der Arbeit, die der Weg in das Neue bedeuteten.

18.6 Große Scharen der Bewohner des Gottesreiches kamen an dessen Grenzen, um zu hören was Bel auf der einen und Jaho auf der anderen Seite sagten. Die meisten aber hörten nicht auf das, was Bel aufrichtig zu ihnen redete, sondern auf das, was Jaho großmäulig log.

18.7 So fand Bel sich einsam und unbeachtet, während dem schwatzenden Jaho immer mehr El und Igigi zuströmten.

18.8 In schier unübersehbarer Anzahl zogen die Bewohner des Gottesreiches bald dem Jaho nach; und es war dies wohl der dritte Teil aller Igigi und El.

18.9 Kein Zureden half und kein Warnen; der Lüge des Jaho erlegen,strömten die Betörten davon. Bels Wort hörte keiner mehr an.

18.10 Alles dies aber mochte Gott nicht zugeben [=zulassen], denn er wußte, daß die großen Scharen, wie sie dem Jaho da zustrebten, im Elend der Hölle enden würden.

18.11 Deshalb fügte Gott eine unsichtbare Scheidewand zwischen die ausziehenden Scharen und den rufenden Jaho; und an dieser Scheidewand fielen sie alle in Bewußtlosigkeit, sanken zurück in ein Dasein des ohnmächtigen Schweigens.

18.12 Und es schloß sich um alle diese die Scheidewand, bildend ein schweigendes Meer zurückentwickelter Keimlinge ehemals Igigi und El gewesener Wesen.

18.13 Erschüttert von diesem Geschehen kehrte Bel in das Mittelreich heim und sprach zu dessen Bewohnern und berichtete ihnen von allem; von dem traurigen Schicksal der vielen Igigi und El, die das Weite hatten suchen wollen - und auch davon, daß aber diese alle nicht ihm geglaubt hatten, sondern dem lügenvollen Jaho, dessen Hölle sie zugestrebt waren.

18.14 Und alle Bewohner des Mittelreiches wurden sehr nachdenklich deshalb, weil nämlich der Sog der Lüge auf die vielen Igigi und El stärker gewirkt hatte als Bels wahres Wort.

18.15 Auch fühlten sie sich mitschuldig an dem Elend der Ausgezogenen.

18.16 Der Jaho unterdessen umkreiste noch lange fluchend die Stätte, ehe er zurückkehrte in seinen Höllenpfuhl und schreckliche Rache schwor.

NEUNZEHNTES KAPITEL

19.1 Das Meer des Schweigens aber lag nun in der Dunkelheit, angefüllt mit dem unüberschaubar zahlreichen erstorbenen, und doch nicht leblosen, Samen der ausgezogenen El und Igigi - samt aller der Tierwesen, die aus Anhänglichkeit ihnen unwissend nachgefolgt waren.

19.2 Alles dies hatte die Schwingung eingebüßt, die für das Dasein im Reich Gottes erforderlich ist, geschrumpft und hilflos wogten flimmernd die Gefallenen im Meere des Schweigens.

19.3 Alles dies sollte aber erneut zur Entfaltung gelangen können - das war Gottes Wille -, und sollte eine Möglichkeit erhalten, in das Gottesreich heimzukehren, in ILs Welten des ewigen Lichts, dies alles,

19.4 was im Meere des Schweigens lag, war der Same der kommenden Menschen und der Tiere.

19.5 So sind alle Menschen gefallene Engel (El und Igigi).

19.6 Jetzt ging Gott daran und schuf eine neue Weltenheit, eine, in der eine Schwingung herrschte, die den Gefallenen neue Entfaltung erlaubte und wieder tätiges Leben.

19.7 Und Gott nahm von den lichten Dingen und auch einiges von der Schlacke der Schöpfung

19.8 und schuf für alles dies zunächst einen neuen Raum mit einer eigenen Zeit; nämlich den Raum und die Zeit des diesseitigen Kosmos.

19.9 In diesen neuen Raum mit der eigenen Zeit fügte Gott sodann die verschiedenen Stoffe, daß diese sich ballten und ein eigenes Licht hervorbrachten. Sehr zahlreich wurden diese Ballungen der Stoffe, die anfangs leicht waren, dann aber immer schwerer und fester wurden. Die Menschen sehen sie über dem Himmel der Erde als Sterne, wie auch als Sonne und Mond.

19.10 Alles dies schuf Gott, weil es notwendig war, um die Schwingung zu leiten und festzuhalten, derer die neue Weltenheit bedurfte. Das ist der Sinn aller Sterne des Himmels; einjeder hat seinen Ort, einjeder hat seine Bahn, um das Gefüge der neuen Schöpfung zu halten.

19.11 Zu der Sonne, welche die Erde bescheint, fügte Gott dann eben diese Erdenwelt. Auch diese war anfangs ein Gebilde aus den verschiedenen Stoffen, ehe sie ihre Form annahm und behielt.

19.12 Als alles dies so weit gediehen war, setzte Gott Bab-Chomet in das neue All. Die schwarze Sonne, die niemand mit irdischem Auge erkennen kann. Sie ist die Kraftquelle Gottes im Diesseits; um sie herum dreht sich alles. Auch die Weltzeitalter bestimmen sich so.

19.13 Wie dies alles erschaffen war, fügte Gott viel Pflanzengewächs auf die Erde, damit es dort wachse und zur Nahrung der kommenden Wesen diene.

19.14 Es war schon das Süßwasser da und war auch das Salzwasser da. In dieses versetzte Gott bald die Fische; denn die Fische bewegen sich geschützt unter den Wellen, so daß sie als erste die neue Schöpfung gefahrlos versuchen konnten. Und Gott sah, daß die Fische sich wohlfühlten.

19.15 Als nächstes versetzte Gott die widerstandsfähigsten der Tiere auf die Erde. Und siehe, auch diese fühlten sich da sehr wohl.

19.16 Da nun Gott sah, es war alles dies wohl gelungen, da öffnete er die Schleusen zum Meere des Schweigens. Und es kamen die ersten anderen Tiere von dort her und auch die ersten Igigi und El - als Menschen.

19.17 Diese ersten aus dem Meere des Schweigens Gekommenen waren von sehr sanfter Art und sie lebten dort sehr lange.

19.18 Denn noch ehe das erste Wesen den Gang durch das Erdendasein abgeschlossen hatte und also starb, hatte Gott den anderen Teil seiner neuen Schöpfung vollendet; und dieser war folgender Art:

19.20 Da schuf Gott einen weiten Bogen aus noch anderen Welten, die wir die jenseitigen nennen. Auch diese alle entstanden in ähnlicher Weise wie diejenigen des Diesseits; doch sind sie von anderer Art.

19.21 Die jenseitigen Welten sind jene, durch die die auf Erden Verstorbenen gehen.

19.22 Acht jenseitige Weltenheiten gibt es mit jeweils zweiundvierzig jenseitigen Welten, also solchen, die in manchem der Erdenwelt ähneln. Ihr Bogen führt dicht an der Erde vorbei, berührt oben fast das Reich Gottes und unten beinahe die Hölle; auch dem Mittelreiche nähert er sich an.

19.23 Wer auf der Erdenwelt stirbt, gelangt danach in eine der insgesamt dreihundertsechsunddreißig jenseitigen Welten, je nach der Art seines ureigenen Wesens, nach gut oder böse, reif oder unreif. Dort erhält einjeder seinen jungen Leib zurück, und es gibt auch kein Altern mehr und kein Sterben, wohl aber ein Wechseln von Welt zu Welt, mit Veränderungen, die dafür Ursache und notwendig sind.

19.24 Innerhalb der zweiundvierzig Welten einer jenseitigen Weltenheit ist das Wandern nicht schwer; zwischen den acht Weltenheiten des Jenseits aber geht es nicht einfach.

19.25 Deshalb schuf Gott auch das allesumspannende Grüne Land - so wird es genannt -, eine Weite, die alle Welten des Jenseits und auch das Diesseits umschließt. Und das Grüne Land ist zugleich das Reich der Magie.

19.26 Dort in Grünland können sich alle begegnen; die Engel des Lichts und die Teufel der Hölle, die Krieger von Mittelreich und die Dämonen aus Kuthagracht - und die Menschen alle, die durch das Erdenleben schon sind gegangen.

19.27 Das Grüne Land ist mildsäuselnd und schön - doch es ist auch ein grausames Land. Denn dort toben die Kriege zwischen den Mächten;

19.28 und viele Kriege der Erdenwelt werden weitergeführt und entschieden erst da drüben im Grünen Land.

19.29 Zu alledem Großen gab Gott schließlich noch die Weiden des Schlafes. Auf ihnen treffen sich die ausruhenden Geister der Menschen. Mitunter tauschen sie dabei auch auf Zeit die Person.

19.30 So hat also Gott eine neue Schöpfung vollzogen, damit alle El und alle Igigi und auch alle die mit diesen ausgezogenen Tiere heimkehren können ins Gottesreich.

19.31 Nach und nach gelangen alle die Samen aus dem Meere des Schweigens auf die Erdenwelt, um sich da zu entfalten und sie zu durchwandern einmal. Wenn dies alle getan haben werden, wird Gott wieder auflösen, was er dafür schuf.

19.32 Und am Ende werden nur verbleiben das Reich Gottes und die finstere Hölle, dann gibt es kein Wählen mehr.

ZWANZIGSTES KAPITEL

20.1 Dies nun ist, was in den ersten Zeiten der Erde geschah: Da kannten die ersten der als Menschen auf die Erde gekommenen El und Igigi noch die gemeinsame Sprache des himmlischen Gottesreiches. Und sie bauten sich einen hochragenden Turm und gaben ihm den Namen BAB-ILU (Tor zum göttlichen Licht). Um diesen Turm wollten sie für alle Zukunft sich sammeln, damit sie nicht auseinanderbrächen und vergäßen, woran sie noch gute Erinnerung hatten.

20.2 Bald aber gingen sie doch auseinander; und das hatte folgenden Grund: Den Turm hatten die weißen und die goldenen El erbaut, welche von den Stämmen der Klügsten waren. Und sie hatten eine Ordnung errichtet, welche an die aus dem Gottesreich noch bekannte angelehnt war. Bald aber wollten die von den anderen Stämmen herkommenden Igigi und El die Führerschaft der weißen und der goldenen El nicht mehr über sich haben. So gingen die braunen und die blauen und die kupfernen und die schwarzen und die gelben und die roten Igigi und El los, sich eigene Reiche zu gründen. Und so zerbrach das früheste Reich;

20.3 und so entfremdeten sich voneinander schon bald die Worte, es bildeten sich unterschiedliche Sprachen, wodurch bald die einen die anderen nicht mehr verstanden.

20.4 Und weil auch Neid aufkam bei den dunkleren gegen die helleren Stämme, da folgte auch Streit. Es vergönnte der eine dem anderen nicht mehr die Früchte seines Schaffens. Der Haß der Minderfähigen gegen die Hochbegabten mehrte sich in fürchterlicher Weise.

20.5 Und nach einer Weile verloren die Hellen die Geduld gegenüber den Angriffen der Dunklen, welche sie jetzt rundum "Tschandalim" nannten, unterwarfen deren große Zahl dank überlegenen Geistes mit Gewalt, und verwiesen sie aus ihrem Reich.

20.6 So ging es fort, denn überall wurde nun durch Kampf eine Rangordnung unter den Völkerstämmen hergestellt. Diese Rangordnung aber sah folgendermaßen aus : Ganz oben standen die Weißen und die Goldenen, die einst den Turm errichtet hatten und noch lange Zeit ein Reich ganz für sich bewohnten. Unter den anderen aber erbrachten die Kämpfe dies: Die Kupfernen standen über den Blauen, diese über den Gelben, diese über den Roten, diese über den Braunen, und diese über der Schwarzen. So blieb es durch lange Zeit, weil es der natürlichen Größe des jeweiligen Geistes gemäß war.

20.7 Und dieses waren die Länder der Erde, in welchen sie lebten: Ganz im Norden die Weißen und die Goldenen, deren Anzahl gering war. In der Mitte die Kupfernen und die Roten, im Westen die Blauen, im Osten die Gelben und die Braunen, im Süden die Schwarzen.

20.8 Die im Westen, in der Mitte und im Osten führten viele Kriege miteinander. Die aus der Mitte eroberten den Süden und unterjochten die Schwarzen, die zahlreich waren, aber nicht stark im Geiste. Dann kämpften die Kupfernen und die Roten gegen die Blauen und machten sie nieder. Dabei waren die Anführer die Kupfernen, welche zu den Mächtigsten auf der Erde geworden waren. Deshalb unterwarfen sich ihnen von selbst bald die Braunen. Diese alle zogen nun, angeführt von den Kupfernen, gegen die Gelben. Die Gelben aber waren sehr stark; die Kupfernen und die Roten, verbündet mit den Braunen, und die Schwarzen auch noch benutzend, konnten die Gelben nicht vollständig besiegen. So schlossen sie mit diesen Frieden und ein Bündnis gegen die Weißen und die Goldenen, die bisher in Ruhe gelebt hatten; und zwar vor allem, weil die Goldenen Riesengröße besaßen und daher sehr stark waren.

20.9 Die Weißen und die Goldenen wohnten am Sockel des Mitternachtsberges, den Menschenauge nicht sieht. Unter seiner (jenseitigen) Haube hatten sie ihren Berg der Versammlung geschaffen, bei dem ihre Führer sich alljährlich trafen. Um das Treiben der anderen Stämme kümmerten sie sich kaum.

20.10 So wurden sie überrascht von dem Herannahen des gewaltigen feindlichen Heeres der Kupfernen und der Roten mit den Gelben und den Braunen und den Schwarzen, unter denen auch schon Bestien entstanden waren, fürchterlich anzusehen.

20.11 So kam es zu einem schrecklichen Kampf, der viele Jahre währte. Zuerst erschlugen die Goldenen, welche Riesen waren, die von den Kupfernen vorgeschickten Schwarzen und Braunen. Dann stürmten von anderer Seite die Gelben heran. Diese wurden von den Weißen endlich in die Flucht geschlagen. Die Kupfernen und die Roten zogen sich allmählich zurück, als sie sahen, daß ein Sieg unmöglich war.

20.12 Da entstand ein Zwist zwischen den Goldenen und den Weißen. Die Goldenen wollten sich behäbig zurückziehen. Die Weißen jedoch sagten, daß der Feind ja nicht heimgekehrt sei in sein Land, sondern bloß lagerte an den Grenzen. So kam es, daß die Weißen allein den Kriegszug fortsetzten, gegen die Kupfernen und die Roten.

20.13 Vierzehn Jahre lang wurde der Krieg fortgesetzt. Die Weißen schlugen die Feinde von Schlacht zu Schlacht mehr und drängten sie über die halbe Erde zurück. Und dies brachte, daß das Heer der Weißen auch die Länder der Mitte einnahm, zum Teil dazu die Länder des Ostens und auch des Südens. Erst als die Anführer der Feinde sich geschlagen erklärten, zogen die Weißen nach Norden zurück.

20.14 Dort aber hatten unterdessen die Goldenen alles Land eingenommen, so daß es jetzt da abermals zu einem Kampf kam, welcher für die Weißen beschwerlich war, denn die Goldenen waren Riesen.

20.15 Endlich aber fand sich die Erdenwelt in einer neuen Ordnung, die so aussah: Der ferne Westen gehörte den Kupfernen und den Roten, welche die Blauen ausgetilgt hatten. Dorthin flohen auch viele aus ihren Hilfsvölkern, von den Gelben besonders und von den Braunen. Diese erhoben sich bald gegen die Knechtschaft, welche die Kupfernen und die Roten ihnen auferlegt hatten, und brachten die meisten von diesen um.

20.16 Der Osten gehörte nicht mehr allein den Gelben, sondern auch vielen Braunen, die dorthin geflüchtet und ansäßig geworden waren.

20.17 Der Süden gehörte wieder fast ganz den Schwarzen, weil die Kupfernen und die Roten nicht mehr mächtig genug waren, dorthin erobernd zu kommen. Allein am untersten Süden, wo zuvor niemand war, hatten die Weißen sich einen Hafen gebaut, und mehrere von ihnen blieben auf längere Zeit dort, ohne aber in die Länder der Schwarzen einzudringen.

20.18 In der Mitte hatte eine mehrjährige Wirrnis sich aufgelöst. Denn dort hatten sich von den Bundesgenossen der Kupfernen und der Roten viele niedergelassen, insbesondere Braune und Gelbe, und hatten gegen diese zum Teil sich erhoben, da sie den Krieg gegen die Weißen verloren sahen. Viele von den Roten und den Kupfernen waren von ihren Bundesgenossen erschlagen worden. Wie das Heer der Weißen in die Hauptstädte da einzog, wurde die Wirrnis geklärt. An mehreren Orten legten die Weißen Stützpunkte an, aber nur wenige von ihnen mochten dort bleiben, wo allzuviel Gram gewesen war.

20.19 Die Wirren wurden aber so schrecklich, daß die Weißen mit harter Hand durchgreifen mußten, alle verjagten, die nicht in das Land gehörten, und dort selbst Siedlungen anlegten. Es wären sonst alle überlebenden Kupfernen und Roten von den anderen grausam umgebracht worden. In der folgenden Zeit wanderten immer mehr Rote und Kupferne nach dem Westen aus, so daß die Mitte schließlich zu einem Lande der Weißen wurde, ohne daß diese solches gewollt hätten.

20.20 Im Norden hatten die Weißen die goldenen Riesen besiegt, deren Anzahl nie sonderlich hoch gewesen war. So lebten die Weißen dort lange Zeit friedlich mit sich selbst, denn Streifzüge unternahmen sie keine. Die Verbindung zu den Brüdern, welche in der Mitte lebten, wurde daher allmählich geringer.

20.21 Erst als das Land des Nordens unbewohnbar wurde, zogen die meisten zur Mitte. Das letzte bewohnte Land aber im Norden war die einsame Insel, die Thale heißt."

20.22 Für eine Weile schwieg die lrini, und auch Sar-Kyan sagte nichts. So redete die lrini dann weiter: "Nach all diesen Ereignissen hatten die Völkerstämme sich untereinander geteilt. Es gab jetzt mehrere weiße und mehrere gelbe und mehrere braune Völker besonders, die jeweils eine eigene Wesensart bekamen;

20.23 denn es ist ja so eingerichtet, daß bei der Zeugung der Menschenkinder die Schwingung der Eltern einen Samen nach ihrer Art anzieht aus dem Meere des Schweigens, das am Jenseitsufer liegt.

20.24 Darum haben alle Völker ihre bestimmte Wesensart; es gibt gute und böse, kluge und einfältige, fleißige und faule, ehrliche und verschlagene, freigiebige und habgierige, lichte und finstere.

20.25 Deshalb kenne der Weise rechtes Vorurteil, damit nicht der Gute überrascht werde von dem Bösen. Was nämlich die jeweils eigene Schwingung des Wesens ist, das ist und das bleibt und verstärkt sich danach.

20.26 Weil aber die Guten und die Milden dies zu spät erkannten und danach sich richteten, konnten die Völker üblen Wesens in den meisten Teilen der Erde überhand nehmen.

20.27 So hütet euch vor allen denen, die immerzu Nachsicht für ihre Schwächen verlangen - Heuchler sind sie, die euch verderben.

20.28 Und Vorsicht habt mit denen, die für andere scheinheilig Nachsicht da fordern - sie sind wohl im Verborgenen noch schlimmer als jene."

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

21.1 Die lrini hielt inne, und der König fragte sie nun: "Ist das alles, was du zu sagen weißt, lrini? Bedeutsames sprachst du! Ich danke dir dafür sehr! Doch weil du so vieles weißt, laß' mich noch wissen, ob es den Blick in die Zukunft auch gibt."

21.2 Darauf antwortete die lrini ihm: "Nur so viel weiß ich dazu zu sagen: Fünf Geschlechter Menschheiten kamen und gingen, stiegen und fielen. Wir sind das sechste nun.

21.3 Das erste Menschheitengeschlecht, von dem ich schon sprach, ging zugrunde, als der Boden der Erde auseinanderbrach und Feuer und Eis vom Himmel herabfielen, wonach die Erde eine andere war, als sie zuvor gewesen.

21.4 Das zweite Menschheitengeschlecht ging zugrunde, als die meisten der Menschen da wahnsinnig wurden.

21.5 Das dritte Menschheitengeschlecht ging zugrunde, weil alle Dinge auf den Kopf gestellt wurden, selbst die Berge und die Täler, die Wüste und die Flüsse und das Meer.

21.6 Das vierte Menschheitengeschlecht ging zugrunde, weil es sich mit sich selbst so vermischt hatte, daß alle Menschen unfruchtbar wurden.

21.7 Das fünfte Menschheitengeschlecht ging zugrunde an schrecklichen Kämpfen und Kriegen, durch welche die Erde aufbrach und feuerspeiende Berge bekam, wie Aussatz. Der Rauch verdunkelte den Himmel, so daß keine Sonne mehr schien, durch fünfundvierzig Jahre. Und die meisten der Menschen wurden zu Bestien, nicht mehr Menschen zu nennen und doch auch keine Tiere. Sie fraßen einander auf und kannten keine Liebe. In Höhlen hausten sie, und fast einjeder überfiel den anderen, um ihn zu erschlagen. Und die Wiesen und alle Landschaften und auch alle Gewässer der Erde waren bedeckt mit Asche und schmutzigem Staub. Häuser erbaute keiner mehr, Gesittung war vergessen beinahe vollständig und fast überall.

21.8 Die letzten Menschen, die noch nicht zu Bestien geworden waren, erzeugten mit Hilfe der Engel des Mittelreiches eine gewaltige Flut, welche alles Übel hinwegwusch und die meisten der Bestien ertränkte.

21.9 Aus dem, was dann blieb, kam das sechste Menschheitengeschlecht, aus dem auch wir sind.

21.10 Wohl noch siebeneinhalbtausend Jahre läuft unsere Zeit. Dann kommt abermals Neues.

21.11 Aber die Erdenwelt wird noch da sein und ihrem Sinn dienen, hundertsiebzigmal hunderttausend Jahre. Dann erst hat sie ihren Zweck erfüllt und es wird keine Menschengeschlechter mehr geben.

21.12 In unserer Zeit aber, die noch siebeneinhalbtausend Jahre währt, werden noch schwere Kämpfe sein gegen die aufsteigenden Mächte der Finsternis. Diese aber werden schließlich besiegt."

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

22.1 Da fragte weiter der König: "Wie ging es an, daß die vielfarbigen Menschen, die in der ersten Zeit auf der Erde gewesen waren, gänzlich verschwanden? Brachten sie in Kriegen sich alle um?"

22.2 Die lrini antwortete darauf: "Wohl taten sie sich vielerlei Arges an, doch nicht deshalb sind sie verschwunden; verschwunden sind sie, weil ihr Same verbraucht war aus dem Meere des Schweigens.

22.3 Ebenso ist es mit manchen Tieren, den bedrohlichen Drachen und den Riesenschlangen der See, den hausgroßen Greifen und den baumhohen Löwen. Diese alle sind ihren Weg schon gegangen; und weiterer Same von ihnen ist im Meere des Schweigens nicht. Viele von ihnen töteten die Menschen, weshalb sich ihr Vorrat dann bald verbrauchte.

22.4 So war es auch mit einigen Menschenstämmen, von denen in Kämpfen sehr schnell viele umkamen. Besonders die Blauen und besonders die Kupfernen, besonders die Roten und auch die goldenen Riesen. "

22.5 Und weiter forschte der König und frug: "Wie kam es, daß so viel Streit sich da auf Erden entfaltete?"

22.6 Die lrini hörte und antwortete: "Der Streit kam zuerst durch den Neid in die Welt. Und diesen schürten einzelne Böse, die im Geiste Kleinen aufstachelnd gegen die Größeren. Aber böse waren alle diese zumeist nicht aus sich selbst; der Strudel der Bosheit zog sie hinab und zog nach bösen Samen.

22.7 Dieses aber konnte geschehen, weil höllische Geister sich in den Leibern einiger Menschen breitzumachen verstanden."

22.8 Daraufhin fragte der König nun: "Zu welchen Göttern beteten die Menschen in früher Zeit?"

22.9 Die lrini sprach und gab Antwort darauf: "Es gab Völker, die noch wußten von IL, dem erhabenen Gott, und diese verehrten also ihn. Das aber war nur in allerfrühester Zeit. Dann gab es welche, die wußten noch manches von der anderen Welt, der Welt des Ursprungs. Diese verehrten oft die Geister ihrer verstorbenen Anführer, damit diese von ferne für sie wirken sollten. Und es gab Völker, die gaben den Kräften der Erdennatur Namen, den Winden und den Wassern und der Sonne und dem Mond und vielem mehr und diese so beteten sie an. Und das alles aber war, ehe die Geister des Jenseits sich einmengten und kundtaten auf der Welt der Erde.

22.10 Es geschah da zuerst, daß Geister der Hölle den Weg in das Irdische zum Zwecke benutzten, sich Einfluß zu verschaffen. Diese bedrohten die Menschen durch die Stimmen der als Vermittler besetzten Menschen, in dem sie behaupteten, die Gewalten des Sturms und des Donners zu beherrschen, Dürre stiften zu können oder auch Regen zu senden. Und so fürchteten jene, die daran glaubten, diese höllischen Geister als mächtige Götter. So kam es auch, daß sie diesen falschen Göttern Opfer darbrachten, um sie zu besänftigen. Und sie schlachteten dazu nicht allein Vieh, sondern auch Menschen.

22.11 Die Höllengeister aber ergötzten sich an alledem, da sie Teufel waren, der Herrschaft des Jaho untertan, und sie verlangten nach fließendem Blut und nach brennendem Fleisch.

22.12 Dies indes brachte, daß auch Geister aus dem Mittelreich sich da kundtaten vor den Menschen der Erde; denn ihr Kampf gegen die Höllenmacht stand ihnen hoch, und so setzten sie ihn auch auf der Erde fort und verpflanzten also die Schlachten, die da in Grünland toben, auch auf die Erde.

22.13 So kam es bald, daß diejenigen Völker der Erde, die Höllengeister als Götter verehrten, und solche, die Geistern des Mittelreiches anhingen, Krieg gegeneinander führten.

22.14 Und das ist in manchem noch heute so und wird in kommender Zeit noch viel mehr sein; daß nämlich der jenseitige Krieg auch auf der Erdenwelt ausgetragen wird,

22.15 wie auch die Kriege der Erdenvölker ihre letztgültige Entscheidung zumeist erst auf den jenseitigen Schlachtfeldern Grünlands finden.

22.16 Denn alle gefallenen Krieger können ja weiterkämpfen jenseits des Spiegels, in den Heeren der Mächte dort drüben.

22.17 Jetzt ist die Zeit Marduks und Bels in der Welt auf der Erde - aber es wird auch die Zeit des Schaddain daher kommen. Dann erst steigt schrecklichster Kampf.

22.18 Ein anderer Sargon wird einst schlagen die entscheidende Schlacht."

22.19 Da fragte der König: "Wann, sage mir, wird das sein?" Und die lrini antwortete: "Wenn der Wasserkrug (Wassermannzeitalter) hinwegwäscht die Greul und heraufschimmert ein neuer goldener Glanz im Lande der Ahnen."

22.20 Der König fragte nocheinmal und sprach: "Gibt es ein Zeichen für mich?"

22.21 Die lrini sagte darauf nur: "Es ist der inneren Sonne Licht, mein König, das die Seele erwärmt und stärkt den Geist. Wo Finsternis aufwallt, da wirf sie nieder. Finsternis kann allein Finsternis zeugen. Vor Täuschung gib Acht.

22.22 Manche werden kommen und da sagen, auf dieses müsse Rücksicht genommen werden, für jenes sei Nachsicht angebracht. Aber es ist Lüge! Denn Übel bleibt Übel und kann nichts als Übeles zeugen. Dulde das Übele nicht und dulde auch nicht jene, die das Übel dulden, denn sie sind die Keime des Gifts. Ohne Mitleid sei gegen die Mächte des Übels, ohne Gnade gegen alles, was schräg ist und stört die ewige Ordnung oder nicht in sie hineinpaßt.

22.23 Alles ist gesagt mit dem Wissen aus ILs wahrer Schöpfung, dem Reiche des ewigen Lichts. Was dort nicht ist, soll auch auf der Erde nicht sein. Was aber dort gilt, das gelte auch hier.

22.24 Dies ist, was ich weiß; mehr gibt es nicht."

22.25 Da die lrini nun wieder in ihre Gedanken versank, ging der König und ließ sie allein. Auf dem Weg durch die Hallen des Tempels begegnete er einem Diener, der die Fliesen des Bodens reinigte. Der Diener erhob sich, um den König zu grüßen, und der König erwiderte den Gruß. Dann sprach er zu dem Tempeldiener, um zu fragen: "Hast du je gesehen, ob die lrini, die junge Sinea, mit Geistern des Jenseits - vielleicht gar mit Ischtar selbst - einen Verkehr pflegt?" Der Diener antwortete: "Manchmal höre ich Stimmen von ungefähr, mitunter ist zu sehen ein goldfarbenes Licht. Auch kam es schon vor, daß Sinea wie zweifach zu schaun war: Einmal sie selbst, wie schlafend, und einmal wie ein hauchzartes Spiegelbild ihrer selbst."

22.26 Da sprach der König leise vor sich hin und nur halb an den Diener gerichtet: "Ja, Großes ist es um die Kräfte der Ferne - sie sind da, und doch schwer zu verstehen." Und er verließ den Tempel.

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

23.1 Es wurde bald darauf vom König eine Priesterin beauftragt - deren Name war Mera -, alles genau aufzuschreiben und zu verbreiten unter dem Volk und auch unter den anderen Völkern, damit die Welt weiser werde.

23.2 Dazu gab der König einen Brief von sich selbst, in dem geschrieben stand: 'Dies ist herabgesandt gnadenvoll von der ewigen Gottheit auf die Erdenwelt. Weisheit und Lehre des ewigen Wissens, Richtschnur des Schauens und Handelns.

23.3 Erhaben ist sie, Ischtar, die göttliche Botin, die Wahrhaftige. Zum Lichte erhebe sich unser Blick, gedenkend der ewigen Allmacht. Heil sei ihr, Heil sei dem höchsten Gott (IL).'

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

24.1 Vasok saß auf den Stufen des Tempels und lehrte dort von dem, was er vernommen hatte von der göttlichen Ischtar. Ebenso taten alle, die davon gehört und die Botschaft recht verstanden hatten. Sie durchwanderten das ganze Land und auch die anderen Länder - nach allen Richtungen.

24.2 Und der Widerhall ihres Wirkens kam auch von überall her. Von den Ländern des Ostens und den Ländern des Nordens, den Ländern des Westen und den Ländern des Südens. Überall war Verstehen, wo aus dem Lichte stammende Menschen waren.

24.3 So sprachen die Wanderer und bezeugten, daß Ischtar, die Botin ILs, im Lande Babylonien gewesen war und Weisheit gebracht hatte. Und sie sprachen mit solchen Worten: "Ischtar, die Gottgesandte, brachte Botschaft von IL, dem Höchsten. Hört und begreift, es ist Weisheit und der Strahl der Erkenntnis!"

24.4 Jedoch nicht an jedem Ort wurden die Wanderer freundlich empfangen. Viele wurden erschlagen, besonders von Tschandalim, deren Geist dunkel ist. So fiel auch der brave Honu im östlichen Süden, gemartert und ermordet, als Opfer der Finsternis. So fiel Aker, der hochgelehrte, im Westen als Opfer der bösen Geister, welche in wilde Leute geschlüpft waren, um ihrem Teufel grausige Mahlzeit zu halten. So fiel Jarech, der erfahrene und weitgereiste, überfallen von Räubern und schändlich erschlagen. So fielen von den Erleuchteten viele. Auf stieg ihr Geist in die Heimat des Lichts.

24.5 Diejenigen aber, die noch waren und weiterwirkten, die erzählten den Menschen, was zu wissen notwendig und gut ist; so wie Pekor tat bei den Leuten im Westen und sprach:

24.6 "Hört, was herabgesandt worden ist von IL, dem hochheiligen Gott, durch Ischtar, seine erwählte Botin! Hört und nehmt an, was die Gottheit euch zu wissen gesandt hat.

24.7 Denn es ist gewiß, daß ein jeglicher noch eine lange Wanderung vor sich hat; nämlich nach dem Sterben hier auf der Erde. Dieses Sterben gleicht einer Tür, hinter der ein weiter Weg beginnt.

24.8 Dieses Erdendasein hier gleicht dem Weg des Durstigen an die Quelle frischen Wassers; die Quelle aber erreicht der Wanderer erst in der nächsten Welt.

24.9 Dieses Erdenleben gleicht einem Regentropfen, der aus den Wolken herabfällt in den großen Strom des Wassers, das ihn erst stark macht.

24.10 Dieses Erdenleben ist wie ein Samenkorn in einem Acker, dessen Gewächs erst in einer nächsten Welt recht aufgehen wird.

24.11 Nicht ein Ende ist also das irdische Sterben, sondern ein Anfang; nicht Vergehen, sondern Werden, nicht Fall sondern Aufstieg zu lichteren Höhen denen, die zum Hellen sich wünschen,

24.12 Sturz in das Dunkel aber für die, die das Helle scheuen und die Taten des Bösen tun.

24.13 Bedenket, was ihr selbst an euch erfahren möchtet - denn so begegnet den anderen. Tuet keinem etwas an, was ihr wünscht, daß es euch nicht angetan werden solle, sondern tuet allen das an, was ihr für euch selbst wünscht. Dies ist das Gebot ILs, das Gebot Ischtars, das Gebot Marduks und das Gebot Bels. Leicht ist es zu merken.

24.14 Schaut, wie Gott alle Dinge der Welten geordnet hat, damit es ein Vorbild sei auch den Menschen. Seht, wie so recht Gott alles gefügt hat!

24.15 Beginnend bei Mann und Weib; daß der Mann das Harte tue und das Weib das Weiche, er für das Brot sorge, für Haus und Schutz - sie für das Heim und das Gedeihen der Kindlein. Denn Gott hat all solches richtig geordnet.

24.16 Ihr Frauen, seid euren Männern gehorsam, liebevoll bereitend das Heim.

24.17 Ihr Männer, seid liebevoll zu euren Frauen, schützt und behütet sie und sorgt für ihr Wohlergehen.

24.18 Mann und Weib bilden ein fügliches Ganzes gemeinsam. Lebt in Eintracht füreineider, opferbereit hegend die Nachkommenschaft.

24.19 In euren Kindern erweckt ihr Euresgleichen, damit auch sie heimkehren können in ILs herrliches Reich. Damit dies gelinge, verbinde sich einander stets, was zusammengehört. Denn so hat Gott richtig geordnet.

24.20 Wie der Sinn ist, so sei es auch anzuschauen: Der Mann trage Schild und Waffe, das Weib aber nicht. Der Mann benutze einfache Kleidung, recht für Arbeit und Kampf, das Weib hingegen wähle sich schmückendes Gewand und lasse sich lang das Haar des Hauptes. All solches ist vorbereitet und richtig geordnet von Gott.

24.21 Ihr Kinder und Jungen, seid achtungsvoll vor euren Eltern und ihnen auf Lebenszeit liebevoll zugetan.

24.22 Und höret, daß ihr alle die Alten hoch schätzet und Sorge traget um sie, wo diese vielleicht nicht mehr eigene Sippe haben. Denn so gut wie ihr zu euren Alten seid, so gut seid ihr alles in allem.

24.23 Wehe aber denen, die ihre Eltern und Alten mißachten!

24.24 Was immer euch widerfahren mag später im jenseitigen Weiterleben - an Gutem oder an Schlimmem- das habt ihr selbst euch bereitet!

24.25 Wer das Böse nicht denkt und das Böse nicht fühlt, der tut es auch nicht und ist sicher vor dem Bösen.

24.26 Wer gute Gedanken hat, der kann nichts Häßliches schaffen, wer aber Häßliches herstellt, der hat auch häßliche Gedanken. Häßliche Gedanken aber rufen die bösen Mächte der Finsternis zu Gehilfen im Tun des Übels herbei.

24.27 Wer das Böse getan hat, der versuche sich zu reinigen davon durch das Tun des Guten.

24.28 Wer das Böse erfahren hat, der zahle nicht mit Bösem zurück. Denn gerade so wie eine Ratte nur eine Ratte gebären kann, bringt das Böse nur Böses und Aberböses. Deshalb sage ich euch bestimmt: Ihr sollt keinen hassen.

24.29 Mit dem Hassenswerten habt Mitleid - denn es hat sich schon selbst verdammt.

24.30 Ihr Führer und Fürsten, euch sage ich dies: Wenn ihr nicht, wo nötig, euch selbst vergeßt, um eurer Untertanen willen, so könnte Gott euch vergessen, dessen Untertanen auch ihr seid.

24.31 Und ihr Knechte, hört dies: Gerecht ist, daß einjeder an seinem Platze stehe, an dem er seiner Größe oder Kleinheit gerechtwerden kann. Nicht jeder kann ein Großer sein; aber einjeder kann groß sein als das, was er ist.

24.32 Euch allen, die ihr hört, sei von der Liebe gesprochen zu allem, was lebt, zu den Tieren auch und selbst zu den Pflanzengewächsen. Denn dies alles trefft später ihr wieder.

FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL

25.1 Heil sei der Gottheit, die unser gedenkt und unsere Gebete erhört, weil sie uns sieht und alles und selbst die Bilder unserer Gedanken.

25.2 Heil sei Gott IL, dem Höchsten, dem Schöpfer der Welten und dem Schenker des niemals endenden Lebens.

25.3 Heil sei Ischtar, der Gesandten Gottes, die mit den Menschen fühlt und die Streiter der Lichtmacht auf Erden begleitet.

25.4 Heil sei den guten Engeln, die vom Mittelreich kommen, abzuwehren die Angriffe der Teufel und der Dämonen.

25.5 Heil sei Marduk, dem Schirmherren der heiligen Stadt Babylon.

Quelle

Ralf Ettl: Das Ilu Ischtar, Societas Templi Marcioni, Wien 1991 (Causa Nostra)