Wola

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Text

Wola ( Bruchstück Nr.1 )

1. Den Weg habe ich nicht gesehen, wohl aber das Ziel. Hinter den Wolken des Himmels liegt es, hinter dem Auslauf der Sterne ist es; keiner schaut es mit irdischem Auge.

2. Die Zeit habe ich gesehen, nicht aber den Pfad. Gerade Bahn scheint sie zu haben, von Anfang bis Ende zu führen - und ist doch ein Ring. Des eigenes Anfangs und Endes vergaß sie, die Zeit.

3. Die Räume habe ich gesehen, nicht aber die Wege hindurch. Die Räume umschließt der Zeiten Ring, umschließt sie von allen Seiten zugleich - so wird beides zu Kugelform.

4. Der Gedanken habe ich viele gesehen, doch nicht deren Wege. Viele Bilder entstehen, wo Gedanken sind. Sie wandern über den Himmel und über den Zeitlauf hinaus - so bauen sie ihr eigenes Land.

5. In die Gefilde der Träume habe ich geschaut, die Pfade darin aber entdeckte ich nicht. Während der Stunden des Schlafes lösen die Geister der Menschen sich aus den Leibern, um nach Traumland zu gehen; viele verirren sich dort, manche tauschen einander.

6. Das Ziel aller Wege habe ich gesehen: Es liegt hinter allem was ist, im ewigen Lichte.

7. Die Wege indessen, die habe ich nicht gesehen - denn es gibt sie nicht. Ein jeder Mensch ist sich selbst sein Weg. Er findet ihn, findet er sich.

Wola 2 ( Traumland )

1. Vielen gehört es, einjeder baut daran, Besucher durchwandeln es nächtens, sich begegnend, sich suchend, sich fliehend. Traumland nenne ich es.

2. Geheimnisvoll ist es, darin zu wandern; aufregend, über seine Grenzen zu schauen - denn von dort reicht der Blick in die andere Welt, die kein Erdenmensch sonst erkennt.

3. Fünf Wiesen hat Traumland, fünf Wälder, fünf Gebirge, fünf Täler, fünf Seen, fünf Flüsse, fünf Meere und fünf Himmel. Fünffach ist Traumland beschaffen.

4. Das erste ist nahe. Jeder kennt es: Es entsteht in ihm selbst. Das zweite ist nicht ferne. Es entsteht in einem anderen, und ein wieder anderer kann es besuchen. Das dritte liegt weiter. Es wechselt die Zeit und den Lauf des Lebens. Das vierte ist ferne. Es reicht an die Enden der Zeit; es stößt an die Ränder allens, was ist. Das fünfte aber reicht bereits in völlig andere Welten, in solche, wie kein Mensch der Erde sie betritt.

5. Während des Schlafens aber stehen die Traumländer dem Ruhenden offen. Weit wandert sein Geist. Vieles sieht er, manches versteht er - einiges nimmt er sich mit.

Wola 3 (Traum )

1. Fünf Treppen führen hinab aus dem Tag in die Nacht; fünf Treppen in die fünf Räume des Schlafes, die fünf Arten des Wanderns des schlummernden Geistes, der erwachet im schlafenden Körper und auszieht auf Zeit.

2. Wenn die Seele ermattet vom stets ungewohnt bleibenden Tragen des schwerstofflich - irdischen Leibes, wenn also Schlaf den Menschen auf der Erden überkommt, auf daß die Seele sich ausruhe für den anderen Tag, so ist aber der Geist, der ewig muntere, wach.

3. Und er, der Geist aber, sucht sich Zeitvertreib. Auszieht er aus dem schlafenden Leib, unternimmt manche Wanderung, besucht andere Seelen, erlebt, was andere Menschen erleben - auf Erden und wohl auch in anderer Welt.

4. Was ihr erinnert am anderen Tage, das nennt ihr dann Träume! Und doch: Euer Geist hat all dies wahrhaftig erfahren.

5. Und wie euer Geist euch verlassen hat beim Schlafe, so können andere Geister zu euch kommen auf kleine Weile. Gar Fremdes gewahrt ihr dann in dem, was ihr Traum wähnt.

6. So merkt euch, daß nichts was ihr sehen könnt, sei es im Wachen, in Gedanken oder im Schlafe, nicht auch wäre; denn alles ist, was Form bildet, irgendwie oder irgendwo.

7. Mancheiner hat weite Reisen im Schlafe schon getan - Reisen an ferne Orte, in ferne Zeiten, nach fernen Welten. Und alles war Wirklichkeit, weil es nichts gibt, was nicht wirklich wäre.

8. Was ihr, erwachend, erinnert von Träumen, ist allzumeist Bruchteil bloß dessen, was gewesen war, vermengt auch womöglich mit allerlei Eindrücken verschiedener Geistesreisen.

9. Nicht wichtig ist es für euer irdisches Dasein, um den Sinn der Traumreisen zu wissen, doch nützlich kann es sein. Denn euer Geist sucht sich Ziele, während eure Seele mit dem Körper schlummert, die seine Sehnsucht sind und anderes mehr.

Wola 4

1. Habt ihr die lichten Wolken gesehen? Weißen Vögeln gleichend ziehen sie dahin mit schweigenden Schwingen. Von Thale kommen sie her.

2. Vieles kündet ihr Spiegelbild, manches kündet ihr Schatten. So sprechen wortlos die Wolken von Thale. Boten sind sie, Zeichen sind sie; achtet der Formen des Winds, der sie bläst.

3. Ein Bild will ich euch deuten, das herbeischwebte auf der Wolken Flügel; ein seltsames Bild aus uralten Tagen. Hört es und schaut:

4. Ein Gebirge aus silbernem Eis zeig' ich euch und eine Stadt, gebildet aus blauen Palästen, schimmernden Zinnen, hochragenden Tempeln; von weiten Wassern umspült.

5. Eine Insel, auf der alles dies steht zeig' ich euch; einsam im höchsten Norden. Die Spitze des Weltenberges seht ihr von dort.

6. Eines Turmes Höhe will ich euch zeigen. Auf jener Insel steht er, fest ist sein Sockel, stark seine Mauer, einzig seine Pracht, aus blauem Kristallstein erbaut. Riesen schufen ihn einst, große Geister. Ihre Kinder sind wir.

7. Einen Wagen aus Silber und Gold will ich euch zeigen. Von Küste zu Küste durchkreuzt er die Insel; blaugrünes Feuer ist ihm vorgespannt. Niemals hält er inne.

8. Einen kostbaren Hafen zeig' ich euch mehr; aus klarem Eis ist er gehauen.

9. Darin warten hurtige Schiffe; so groß wie Dörfer gebaut manche von ihnen. Bald werden sie segeln.

10. Ein schlimmes Wetter will ich weiter euch zeigen. Es kommt mit gierigem Finger von kaltem Gebein; umschließt die Insel, drängt herbei über das Meer - grausam und wesenlos.

11. Eine kalte Sonne will ich ferner euch zeigen; blaß hängt sie unter dem Himmel, kaum wärmt sie das Land. Die Frucht erstarrt auf den Feldern, weiße Nebel ersticken der Bäume Geäst - nicht grünen sie mehr.

12. Zeit ist's, zu bemannen die Schiffe, zu suchen die See, zu fliehen die Insel. Als weißer Berg bleibt bald sie zurück, wild und karg; keine Spur mehr des Lebens, kein Zeichen [dessen], was war.

13. Ein Geheimnis zeig' ich euch so - keiner kennt es, niemand findet es auf: Der Ahnen Wohnsitz war es gewesen.

Quelle

Freundeskreis Causa Nostra: Arcanorum. Causum Nostrum - das lebendige Ordensbuch. 2005