Der Blick in die Zukunft

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Text

Um Mitternacht begab sich einmal ein Salzburger Zimmermann von einer Hochzeit aus allein nach Hause. Als er in die Nähe von Niederalm kam, sah er die dortige Kirche hell erleuchtet und vernahm Orgelton und Gesang, als ob ein festtäglicher Gottesdienst abgehalten würde. Der Zimmermann dachte: »Da muß unsereiner doch auch wissen, was geschieht!« und ging schnurgerade auf die Kirchentür los. Diese war offen, so daß er ungehindert eintreten konnte. Drinnen wurde ein feierliches Amt gehalten, der Geistliche sang gerade das »Ite, missa est!« Als sich der verspätete Hochzeitsgast aber die Leute anschaute, wurde ihm doch etwas sonderbar zumute, es waren lauter kleine Männlein, jedes einen bloßen glitzernden Säbel in der Hand. Und gerade neben ihm stand ein Zimmermann, die schön geschliffene Axt über der Schulter. Dieser trat jetzt heran und sagte zum Salzburger: »Ist recht, daß du kommst! Ich bin der einzige Zimmermann von der ganzen Armee und müßte sonst auch beim Einzug allein gehen. Da hast du eine Axt, wir wollen zwei Mann hoch einmarschieren!« Nun ging es fast im Sturmschritt dem Untersberge zu. Sie kamen an eine hohe Felswand, in der ein großes gewölbtes Tor geöffnet wurde; da gingen sie hinein. Während sie durch eine weite Halle fürbaß schritten, kamen zwei Männlein mit langen eisgrauen Barten auf den Zimmermann zu und führten ihn vom Zuge hinweg in eine geräumige Höhle, die ziemlich hell war, obgleich nirgends ein Licht brannte. Sie gaben ihm Buch und Feder in die Hand und sprachen: »Auf diesen Pergamentblättern wird alles, was im Laufe der Zeiten sich ereignen wird, aufgezeichnet. Schau das Buch an, die Hälfte ist bereits angefüllt! Es sind bald tausend Jahr, seit die erste Zeile eingezeichnet worden. Vieles von dem, was da schwarz auf weiß steht, ist schon in Erfüllung gegangen; vieles steht noch bevor. Einschreiben aber kann nur einer, der zu guter Stunde von außen zu uns hereinkommt. Also schreibe, so gut du kannst, folgendes: >Darauf wird ein schrecklicher Krieg ausbrechen, so schnell und unerwartet, daß der Bauer vom Acker mit der Pflugschar und die Bäuerin vom Herd weg mit dem Küchelspitz ins Gefecht stürzen. Das dauert jedoch nicht lange; dann kehrt der Bauer zurück, seine Zugtiere vorwärts zu treiben, und die Bäuerin, um alle ihre Kücheln zum Mittagessen zu backen. Wer während dieses Krieges auf die Flucht geht, der braucht nicht mehr als einen einzigen Brotlaib mitzunehmen. Dies begibt sich im Jahre. . .« Aber da hörte der Zimmermann laute Trompetenstöße aus der Ferne, und die beiden Männlein eilten hinweg.

Der Zimmermann steckte das Buch in die Tasche und machte sich aus dem Staube. Wie er einige Schritte vorwärts getan hatte, erblickte er einen Streifen blauen Himmels, und bald stand er an der Öffnung, vor sich die grüne Gegend im Morgensonnenschein. Er griff auf dem Heimweg nach seinem Buch, aber da zog er eine Handvoll Spinnengewebe heraus.

Siehe auch

Untersberg

Quelle

Nikolaus Huber: Sagen vom Untersberg, Salzburg 1901, Nr. 32